Medien : München kann sehr kalt sein

Die Kommissare des BR-„Tatorts“ finden im Schneetreiben eine Leiche, aber keine Spur

Thilo Wydra

Nichts. Einfach nichts haben sie in der Hand, die beiden Münchner Kriminalhauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl). Es gibt keinen erkennbaren Tathergang, keinerlei Indizien, und schon gar keinen Täter mit Motiv. Einfach nichts. Nur diese Leiche da. Eine junge Frau, Studentin der Ägyptologie an der Münchner Universität. Steffi wurde sie gerufen. Hanna Senft (Nina-Friederike Gnädig), meldet sich auf eine Zeitungsnachricht zum Fund hin im Kommissariat. Dann haben die Ermittler endlich den Nachnamen des Opfers, finden den Vater, Ludwig Thaller (Michael Brandner), ein fliegender Händler, der die Tote identifiziert. Doch all das bringt die Kommissare nicht weiter. Kein Täter. Kein Motiv. Alles ist vage. Sie wissen nicht einmal, in welche Richtung sie ermitteln sollen.

Der „Tatort“ des Bayerischen Rundfunks, „Schneetreiben“, macht von der ersten bis zur letzten Minute ratlos. Es ist ein Fall, der die mittlerweile dienstältesten „Tatort“-Kommissare fast handlungsunfähig wirken lässt. Es gibt kein Vor und kein Zurück. Nichts bewegt sich, alles ist seltsam diffus. Schneetreiben eben. Es scheint im Moment zu einer Art Mode zu geraten, dass es nicht mehr nur um die klassische Auflösung von Fällen geht, sondern mehr um die Beschreibung von Atmosphärischem. Beim letzten Fall der „Bella Block“, der „Frau des Teppichlegers“, war dies so, und auch bei „Sperling“ sieht man dieses Phänomen. Die Krimis bewegen sich weg von den reinen Fällen. Hin zu einer offeneren Form, zu mehr Privatem auch.

Zwar haben die beiden Münchner Kommissare kein wirkliches Privatleben, so wie etwa Bella Block mit ihrem Lebensgefährten Simon Abendroth, doch ist es hier das Schicksal einer dritten Figur, das am hellsten beleuchtet wird.

„Schneetreiben“, von Claus Cornelius Fischer geschrieben und von Tobias Ineichen inszeniert, erzählt von der Einsamkeit des Vaters der Toten. Ludwig Thaller hat keinen Weg und kein Ziel. Er ist Händler auf den Straßen dieser Stadt, ein Unbehauster, ohne Frau, allein. Als er vom Tod seiner Tochter Steffi erfährt, geht er in ihr Zimmer in der Studentenstadt, setzt sich hin und hört sich unzählige Male den Spruch auf ihrem Anrufbeantworter an.

Ludwig Thaller hat sonst nichts und niemanden. Das ist einer, der sich in seiner Verzweiflung und fast bubenhaften Hilflosigkeit permanent in die ohnehin schleppenden Ermittlungen einmischt. Einer, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann und dennoch Selbstjustiz üben will. Michael Brandner spielt diese Verlorenheit in einem sehr präzisen Minimalismus aus, lange schon hat man ihn so nicht mehr gesehen.

Ist das nun ein guter Krimi? Die Frage ist nicht eindeutig zu beantworten. Die offene Form dieser „Tatort“-Folge nimmt der Geschichte den Spannungsbogen. Das Interesse am Täter verliert sich, es ist eher das nicht greifbare Drumherum, dem das Augenmerk gilt. Es wird also, streng genommen, nicht wirklich etwas erzählt, zumal auch die tragische Geschichte des Ludwig Thaller nur einer der Handlungs-Nebenstränge ist. Oder muss man sich einfach nur an die neue, offene Form gehobener deutscher Primetime-Krimis gewöhnen?

„Tatort: Schneetreiben“, ARD,

20 Uhr 15

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