Medien : Multikulti in Aspendos

„Wetten, dass...“ die Türkei zu Europa gehört?

Öczan Mutlu

Es war eine Frage der Zeit, bis sich die Macher vom ZDF für das derzeit wohl beliebteste Urlaubsland der Deutschen entscheiden würden. Dass die Wahl dabei auf Aspendos gefallen ist, hat mich umso mehr gefreut. In der traumhaften Kulisse des im zweiten Jahrhundert nach Christi gebauten Amphitheaters, durfte der „Große“ seine Gäste empfangen. Auch wenn die Gästeliste für echte „Wetten, dass...?“-Fans nicht sehr überzeugend war, dürfte diese Show mit 12,2 Millionen Zuschauern lange in Erinnerung bleiben. Denn so multikulturell war „Wetten, dass...?“ schon lange nicht. In Aspendos wurden erstmals Wetten aus vielen Ländern vereint, in denen die Show erfolgreich läuft. Kandidaten aus Deutschland China, Spanien, Italien und der Türkei standen auf der Wettbühne.

Dass mit Erkan Soysal ein Kölner die Türkei vertrat, haben manche „Alamancis“ – wie Türken aus Deutschland in der Türkei genannt werden – sicherlich belächelt, meinen sie doch oft, zwischen zwei Stühlen zu sitzen und sich zwischen beiden Ländern hin und hergezogen zu fühlen. Dabei ist es ohne weiteres möglich, auch auf beiden Stühlen zu sitzen. Die Beweise sind allgegenwärtig und tragen Namen wie Regisseur Fatih Akin, Schriftsteller Feridun Zaimoglu oder Oktay Urkal, der gerade vor zwei Tagen für Deutschland Europameister im Boxen wurde. Immigration bedeutet nämlich vielfältige kulturelle Impulse. Das sind scheinbar so simple Dinge wie Folklore, musikalische Einflüsse und fremdländische Küchen, aber auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft und der deutschen Mehrheitsgesellschaft.

In Deutschland tut man sich schwer mit dem Crossover und sucht stattdessen passende Ethnoschubladen. Das Leben im Uneindeutigen, im Ambivalenten, die kreative Kraft, die daraus erwachsen kann, das Arsenal von Kommunikationsangeboten findet leider noch wenig Gehör. Die Medien spielen in dieser Debatte eine große Rolle. Sie haben die Pflicht, sich nicht an der Reproduktion von Klischees und Stereotypen zu beteiligen.

Was Politiker mit viel Müh und Not immer noch nicht geschafft haben, gelang der erfolgreichsten TV-Show Europas im Handumdrehen. Multikulti ist kein Schreckensgespenst, ganz im Gegenteil. Auch die altbackenen Witze und die Sprache des Duos Erkan und Stefan, die die türkischen Zuschauer vor Ort zum Teil geschockt haben dürften, werden daran nichts ändern. Unsere Kultur ist keine Monokultur, sie ist es nie gewesen. Selbst unsere elementarsten Kulturtechniken: Lesen, Schreiben, Rechnen, sind kein teutonisches Kulturgut, sondern durch griechische, römische und arabische Einflüsse vermittelt. Mit dem Kosmopoliten Thomas Gottschalk an der Spitze – trotz seiner Türkischkenntnisse, die an diesem Abend richtig zu wünschen übrig ließen –, ließ der Abend auch keine Zweifel darüber aufkommen, ob die Türkei zu Europa gehört oder nicht. Sie gehört zu Europa und das nicht seit gestern.

Wetten, dass etliche Leser dieses Beitrages in naher Zukunft miterleben werden, wie die Türkei Mitglied der EU wird.

Öczan Mutlu ist

Mitglied des Berliner

Abgeordnetenhauses für Bündnis 90/Die Grünen.

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