Multimedia Kongress : „An den kleinen Hunger denken“

Multimedia-Firmen wollen mit Online-Werbung 2,5 Milliarden Euro verdienen. Das könnte zu Lasten der traditionellen Medien gehen.

Kurt Sagatz

BerlinHerr Groth, der Deutsche Multimedia Kongress, der heute und am Freitag in Berlin stattfindet, wird in diesem Jahr auch in die virtuelle Welt von Second Life übertragen. Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?

Ich war am Anfang auch skeptisch. Die Hauptstadtrepräsentanz von Baden- Württemberg, wo der Kongress heute beginnt, ist seit Jahresanfang in Second Life vertreten. Für uns ist das eine tolle Gelegenheit, dieses Technik für unseren Anlass zu nutzen. Aber: Es wäre sicherlich überzogen gewesen, nur für die Veranstaltung eine Second-Life-Repräsentanz zu eröffnen. So hat es gut gepasst.

In den letzten Jahren hat es durch die Web-2.0-Technologien mit ihren einfach zu bedienenden sozialen Netzwerken eine Vielzahl neuer Entwicklungen gegeben. Was soll nun noch kommen?

Sicherlich gibt es nicht nur Neuigkeiten. Dass sich einige Themen wiederholen, ist nicht verwunderlich. Vor allem wenn man bedenkt, dass in vielen Fällen erst jetzt die Reichweite und die nötige Bandbreite bei den Nutzern vorhanden ist.

Welche Themen haben Sie überrascht?

Im Online-Werbebereich das „Behavioral Targeting“. Dabei geht es für die Werbetreibenden um die Frage, wie verhält sich meine Zielgruppe und wie kann ich sie am besten erreichen. Man möchte wissen, welche Website hat der Nutzer zuvor besucht, was schaut er sich auf meiner Webseite an, welche Werbung nimmt er wahr und welche nicht, wo verweilt er länger, wann geht er woanders hin? Die Werbung für Tütensuppen, Pizzen oder andere Zwischenmahlzeiten sollte zum Beispiel idealerweise dann erfolgen, wenn der kleine Hunger kommt, also vor der Mittagspause oder kurz bevor er nach Hause fährt. Die Frage, wie ich diesen Nutzer finde und wann ich ihn am besten anspreche, ist für mich ein echtes Déjà-vu-Erlebnis. Ende der 90er Jahre ist dieses Thema wegen zu kleiner Nutzerzahlen versickert. Heute gibt es für fast jede Zielgruppe ein paar Hunderttausend oder sogar Millionen Nutzer.

Die Online-Werbung ist in den USA im letzten Jahr um 35 Prozent auf fast 17 Milliarden Dollar gewachsen. Was ist davon in Deutschland angekommen?

Wir haben 2006 auch in Deutschland ein Wachstum von 80 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro erreicht. Und für dieses Jahr werden 2,5 Milliarden prognostiziert. Der Zuwachs stammt zunehmend nicht nur von der Werbung im Umfeld von Google und Yahoo Search, sondern auch wieder von den bekannten grafischen Anzeigen und Kampagnen im Internet.

Zu wessen Lasten geht der Zuwachs bei der Online-Werbung?

Sicherlich zu Lasten der klassischen Medien. Mit der positiven Einschränkung für diese Unternehmen, dass sie in der Zwischenzeit selbst Ableger in den neuen Medien haben, ob das jetzt die TV-Sender sind oder die Verlage.

Gleichwohl gibt es Themen, die in der Branche mit Sorge gesehen werden.

Die letzten zwölf Monate haben gezeigt, dass es sich bei dem Aufschwung um eine reale Entwicklung handelt. Dennoch stellt sich die Frage, welche Refinanzierungsmöglichkeiten es für die sich rasant entwickelnden neuen Portale gibt. Derzeit ist das in vielen Fällen allein Internetwerbung. Das wurde schon in der New Economy kritisiert, und auch heute kann das nicht gut sein. Es muss darum gehen, bezahlte Inhalte und Dienstleistungen stärker ins Blickfeld zu rücken.

Hinzu kommen einige politische Belastungen.

Die positive Entwicklung der Branche macht die Digitale Wirtschaft auch für die Politik wieder interessant. Wir sehen die Gefahr, dass wir eine Überregulierung im Datenschutz und im Urheberrecht bekommen. So stellt zum Beispiel die Datenspeicherung für die Provider und Contentanbietern einen großen Kosten- und Koordinationsaufwand dar. Problematisch ist die Pflichtablieferung von Medieninhalten. Inhalteanbieter wären gezwungen, künftig alle öffentlich relevanten Inhalte von Internetseiten der Deutschen Nationalbibliothek zur Verfügung zu stellen. Diese Inhalte sind nicht spezifiziert. Das hat man in der Konsequenz offensichtlich gar nicht zu Ende gedacht und wir werden uns als Bundesverband der Digitalen Wirtschaft hier einbringen.

Das Interview führte Kurt Sagatz.

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