Medien : Musikfernsehen: Frühjahrsputz

Thomas Gehringer

"Wir spielen nicht mehr in der gleichen Liga." Nach Ansicht von Martina Bruder aus der Viva-Geschäftsführung hat der Kölner Musikkanal das Duell mit MTV auf dem deutschen Markt für sich entschieden. Und zwar endgültig. "Infratest-Studie belegt unanfechtbare Marktführerschaft", lautet die aus Viva-Sicht erfreulichste These, die Martina Bruder gestern in Köln der Presse vorlegte. 5,17 Millionen Zuschauer sahen Viva laut einer Umfrage der Marktforscher von Infratest Burke im Januar, MTV nur noch 3,65 Millionen. Aber "unanfechtbar"? "Wir texten ein bisschen vollmundig", sagte Martina Bruder, als sei ihr das eigene Selbstbewusstsein noch etwas unheimlich. Danach kündigte Programmchef Stefan Kauertz noch an, dass sich ab dem Sommer alle wesentlichen Viva-2-Formate im Schema des Flaggschiffs Viva wiederfinden werden. Die Programme beider Sender werden zusammengewürfelt, aber, so Kauertz, "durch die Verzahnung entsteht kein Pattex-Produkt, sondern eine Vision". Drunter geht es in der gerne "ein bisschen vollmundigen" Medienbranche nicht.

Alles schön und gut, doch die mit Spannung erwarteten Informationen über einen neuen Partner der börsennotierten Viva AG und die Folgen für das ab Sommer leer geräumte Viva-2-Programm blieben die Vertreter des Musikkanals schuldig. Viva-Chef Dieter Gorny, der sich gar nicht erst blicken ließ, kann noch kein Verhandlungsergebnis präsentieren. Dass er mit mehreren Kandidaten spricht, ist kein Geheimnis: die RTL Group, die Verlagsgruppe Bauer und NBC Giga werden als Gesprächspartner gehandelt. Doch vor allem erwartet die Branche den Einstieg der Kölner Produktionsfirma Brainpool. Aus deren Kreisen wird das Interesse bestätigt. Passen würde das. Brainpool produziert unter anderem die längst nicht mehr so erfolgreiche "Wochenshow" und Stefan Raabs "TV Total". Zudem will sich das börsennotierte Unternehmen als Medienhaus positionieren und hat zu diesem Zweck seit kurzem einen eigenen Verlag, der als einzige Zeitschrift die Programmillustrierte "TV Total" herausgibt. Ein eigener Sender würde sicherlich ganz gut ins Bild passen.

Doch der nächste Anlass, die neue Unternehmensstruktur bekannt zu geben, bietet sich bald. Am 28. März will die Viva AG ihre Bilanzzahlen veröffentlichen, die Fernseh GmbH steuert nach Auskunft von Martina Bruder zweistellige Zuwachsraten bei den Netto-Umsätzen an. Das 1995 gestartete Viva 2, das sich vom Mainstream des Hauptprogramms absetzte und auch für Zuschauer jenseits der 29 Musik bieten wollte, schreibt jedoch nach wie vor rote Zahlen. Beide Sender sollten den Konkurrenten MTV "in die Zange nehmen", weswegen aus strategischen Gründen an Viva 2 festgehalten wurde. Mit der fadenscheinigen Begründung, dieser Zweck sei nun erfüllt, gab Viva bekannt, sein defizitärer Ableger werde "strategisch neu positioniert". Vielleicht beflügeln ja die Infratest-Zahlen Programmchef Kauertz zu innovativen Ideen. "Der Vorsprung gibt uns so ein dickes Polster, dass wir mit Viva 2 etwas wirklich Neues ausprobieren können", erklärte Martina Bruder am Dienstag.

Der Arbeitstitel für das neue Programm lautet zwar immer noch Viva 2, doch in das alte Gefäß wird ein komplett neuer Inhalt geschüttet. Die Stars des Viva-2-Programms wie die für den Grimmepreis nominierte Charlotte Roche finden sich dann im Mainstream wieder. "Fast Forward", das Magazin der gebürtigen Britin, wird ab Sommer zwischen 18 und 20 Uhr bei Viva zu sehen sein. Auch "Supreme" (HipHop), "Wah Wah" (Underground) und "2Rock" rutschen auf die neue Genre-Schiene bei Viva, werktäglich ab 22 Uhr. Ein solcher Umzug ist offenbar kein großes Risiko: Da über 90 Prozent der Viva-2-Zuschauer auch das Hauptprogramm einschalten, dürfte es keine Frage sein, dass sie ihren Favoriten folgen. Allerdings wird abzuwarten sein, ob das angestammte Viva-Publikum auch die Programmänderungen zugunsten der Neuankömmlinge gutheißt; denn nur ein Viertel der Viva-Zuschauer riskieren derzeit auch einen Blick ins Viva-2-Programm. An den eigentümlichen Humor von Niels Ruf konnten sie sich immerhin bereits seit Oktober 2000 gewöhnen. In "Kamikaze", das derzeit in beiden Sendern zu sehen ist, treibt er ab Sommer von Montag bis Samstag, ab 23 Uhr, weiter seine Späße. Nur die Sendung von Christoph Schlingensief findet sich noch nicht im Programmschema. Doch der Bürgerschreck aus Oberhausen kommt, so viel steht fest. "Bei den Reichweitenzahlen darfst du dir auch Schlingensief leisten", scherzte Martina Bruder, zu ihrem Programmchef gewandt.

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