Musikmagazine : Es geht zurück!

„Sounds“, „Spex“, „Rolling Stone“ - die Zukunft von Musikmagazinen liegt in der Geschichtsschreibung.

Gerrit Bartels

Der Name weckt Erinnerungen und Hoffnungen. „Sounds“ hat der Axel-Springer-Verlag eine neue Musikzeitschrift genannt, die viermal im Jahr erscheinen soll, in durchaus bewusster Anlehnung an die Zeitschrift „Sounds“, die es in den Sechzigern bis in die frühen achtziger Jahre gab. In jener war Popmusik mehr als einfach nur neue Musik, die es vorzustellen galt. Hier wurde die Musik in gesellschaftliche und eben popkulturelle Zusammenhänge gestellt, hier hatte der auf vielen Plateaus sich austobende Irrsinn genauso Methode wie der manierlich-philosophische Diskurs. Als „Sounds“ verkauft wurde, wechselten Autoren wie Diedrich Diederichsen oder Olaf Dante Marx zur „Spex“ und machten diese zum tonangebenden Pop- und ein bisschen auch Theorieblatt. „Sounds“ dagegen verschwand, wechselte mehrmals den Besitzer, wurde mit anderen Musikblättern fusioniert und fand als Titel bei Springer keine Verwendung mehr.

Nun hat aber die neue „Sounds“ mit der von früher außer dem Titel gar nichts gemein - höchstens, dass es um viel alte Popmusik geht und die angestrebte Zielgruppe die Ur-„Sounds“ noch kennt. Die Springer-„Sounds“, das zeigt der Vierteljahresrhythmus und der Titelzusatz „by Rolling Stone“, beschäftigt sich nicht mit neuen Veröffentlichungen, neuen Popmoden gar, sondern ist nur einem einzigen Thema gewidmet, das, so eine Hausmitteilung, „losgelöst von kurzfristigen Trends betrachtet wird“. Thema der ersten Nummer: „Paint it Black – Wie die schwarze Musik den weißen Pop prägte“. Auf dem Cover Ray Charles, im Heft ein „Rolling Stone“-Interview mit ihm von 1973, dazu Geschichten über Al Green, Northern Soul, Chuck D oder Muddy Waters und die 50 essenziellsten Black-Music-Alben.

All das ist grundsolide und letztendlich die Ausweitung der Spielzone des seit Mitte der neunziger Jahre ebenfalls bei Springer erscheinenden deutschen „Rolling Stone“-Ablegers: aus Rock und Pop Klassikrock und Klassikpop zu machen, mit immer wieder neuen und alten Geschichten und Abhandlungen über die Stones, Dylan, Van Morrison, Neil Young, Clapton etc. Versteht sich der „Rolling Stone“ aber auch als aktuelles Magazin, das sich dann bevorzugt um weiße Rockmusik kümmert, so gibt es in „Sounds“ neuen Pop nur noch unter dem Aspekt seiner historischen Referenzen, wie die Story über Amy Winehouse und die neuen Soul-Queens belegt. Anzunehmen, dass im nächsten Heft mit dem Thema „Rebellen“ neben Jim Morrison und Nirvana immerhin Musiker wie Jack White von den White Stripes (Blues!) oder Pete O’Doherty (New Young Rebel, gesucht und gefunden!) ihren Platz finden werden.

Berücksichtigt man, dass es mehr und mehr Pop- und Rockmusiker mit einem Werk gibt, dass im aktuellen HipHop oder R & B die Tradition von Jazz über Funk bis Soul immer mitschwingt, dass es kaum eine elektronische Spielart gibt, die nicht auf eine andere zurückzuführen ist, so ist diese Art von „Sounds“ nur konsequent. So falsch und blöd ignorant es sich wiederum dann auch verhält gegenüber den großen, magischen Einzelmomenten, die das Wesen von gutem Pop ausmachen und ihm immer wieder neue Afficionados zuführen.

„Sounds“ weist nicht zuletzt wegen seiner Druckauflage von stolzen 50 000 darauf hin, wie es um die Lage der Musikzeitschriften insgesamt bestellt ist, und worin in Zeiten von YouTube, MySpace und den angeschlossenen Blogs wohl oder übel deren einzig erfolgreicher Auftrag besteht: Geschichtsschreibung, Lernen von den Alten. Nagen Hefte wie „Musik-Express“, das ebenfalls bei Springer erscheint, oder „Intro“ wacker am Stamm der Aktualität und bieten meist Produktinformationen, so steht etwa die rundumerneuerte „Spex“ unter ihrem Chefredakteur Max Dax mitten im Geschichtsdiskurs, Abteilung legendäre Underground-Helden von Neubauten bis Nick Cave, von Robert Forster bis Mark E. Smith. Das hat etwas mit dem Alter und Vorlieben von Dax zu tun, wiewohl er auch Sinn für Anderes, Abseitiges hat. Und auch damit, dass Dax nur zu gut weiß, mit den Internet-Musikplattformen nicht mithalten zu können, und Sorgfalt, Überblickstexte und aktuelle Diskussionen rund um den Niedergang der Musikindustrie das Gebot der Stunde sind. Die Auflagenentwicklung gibt ihm recht. Seit seiner Amtsübernahme und dem Umzug des Blattes von Köln nach Berlin vor zwei Jahren hat das Blatt von 14 000 auf 21 000 verkaufte Exemplare zugelegt. Trotzdem mutet es recht merkwürdig an, wenn man bei „Spex“ stolz darauf ist, verdiente alte Autoren aufs Mutterschiff zurückgeholt zu haben, so als wäre es immer noch 1991 und nicht 2008.

Doch die Tendenz zur Historisierung findet man auch bei Elektronische-Lebenswelten-Heften wie „De:Bug“ oder „Groove“. Hier heißen die alten Helden Jeff Mills, Laurent Garnier oder Sven Väth, und bei der Lektüre stellt man sich immer mal wieder die Frage: Ach, die gibt es auch noch? Hat sich so wenig getan im Bereich der elektronischen Musik? Aber auch hier gilt: Die Alten ziehen, der große Name macht’s. Einem Lawrence oder den Sachsener Wignomy Brothers fehlt es eben noch ein bisschen an großmarkttauglicher Statur.

Dass „Sounds“ sich aber nun ebenfalls im Club-, House- oder Techno-Land umschauen wird, ist nicht zu befürchten. Gerade wenn man sich den ersten längeren Text im Heft anschaut, den Black-Music-Türöffner gewissermaßen. In einer Art Erinnerungsessay erklärt hier ein Autor sein „unlockeres“ Verhältnis zu schwarzer Musik und berichtet von seinem „fehlenden Rap-Verständnis“. Auf dass die „Rolling Stone“-Zielgruppe, die mit den Stones und Clapton sozialisierten 40- bis 60-Jährigen, vorsichtig ans Thema herangeführt, aber nicht zu sehr vor den Kopf gestoßen werden.

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