MySpace : Zuckerbabys

MySpace lässt in Berlin eine Internet-Soap drehen. Die Web-Soap sieht der Macher als „Experiment“ mit offenem Ausgang.

Christian Meier

Im Kreuzberger 103 Club wird normalerweise die Nacht zum Tag gemacht. Es kann aber auch andersrum gehen: Die Produktionsfirma MME Entertainment filmt für die Internet-Plattform MySpace gerade eine 20teilige Serie in dem Club. „They Call us Candy Girls“, so der englische Titel, dreht sich um „vier Girls und deren Leben zwischen Dancefloor, Beziehungen, Liebe, Lügen und Großstadtszene“, wie es leicht melodramatisch, aber zielgruppenaffin in der Pressemitteilung heißt.

Autorin und Regisseurin der Web-TV-Soap, deren Folgen zwischen drei und fünf Minuten dauern, ist Miriam Dehne, deren Kinofilm „Little Paris“ mit Sylta Fee Wegmann und Stipe Erceg Ende April auf dem Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern Premiere hat. Am 19. Mai ist die erste Folge der Soap auf der MySpace-Seite zu sehen, immer montags und donnerstags gibt es neue Episoden.

Joel Berger ist Deutschland-Chef von MySpace und bezeichnet das Soziale Netzwerk, das weltweit 200 Millionen Mitglieder hat, als ein „Leitmedium der Jugendkultur“. Berger war zuvor in der Geschäftsleitung des Musiksenders MTV. Auch MTV war einmal ein Leitmedium der Jugend, wie zuvor die Zeitschrift „Bravo“. Die Zeiten ändern sich.

Die Web-Soap sieht Berger einerseits als ein „Experiment“ mit offenem Ausgang. Doch die „Candy Girls“ sind freilich keine reine Fingerübung für das Social Network, das der Medienmogul Rupert Murdoch vor drei Jahren für knapp 600 Millionen Dollar kaufte. Berger will Marktführer, die Nummer Eins unter den Freundes-Netzwerken in Deutschland werden. Damit müsste er StudiVZ und SchülerVZ überholen, die wie der Tagesspiegel zur Verlagsgruppe von Holtzbrinck gehören. Eigene Inhalte, die neue Nutzer auf die Seite locken sollen, sind daher sehr wichtig für MySpace. Es sei nur logisch, sagt Berger, dass man nun Programm für die junge Zielgruppe – das Durchschnittsalter der Nutzer liegt bei 25 Jahren – mache. Die Soap sei mehr als nur eine aufwändige Marketing-Aktion für die Website, zwischen Marketing und Inhalten könne man bei MySpace ohnehin nicht unterscheiden. Ein Hauptsponsor für die Serie steht laut Berger bereits in den Startlöchern, noch sei ein Vertrag allerdings nicht unterschrieben. Product Placement werde es in der Serie nicht geben.

Auf den Seiten von MySpace USA sind bereits Folgen der zweiten Staffel von „Roommates“ zu sehen, einem Vorbild für „They Call us Candy Girls“. Auch dort werden vier junge Mädchen in Szene gesetzt, die gerade mit der Uni fertig sind und nun in einem Apartment in Los Angeles leben. Wie beim amerikanischen Vorbild können registrierte MySpace-Nutzer „Freunde“ der „Candy Girl“-Darstellerinnen werden, ihnen Nachrichten schicken oder Kommentare abgeben.

„Junge Leute schauen immer weniger Fernsehen“, sagt Georg Ramme, bei MME für digitale Projekte zuständig. Für die Produzenten entstehe im Internet gleichzeitig „ein völlig neuer Markt“. Die Nachfrage nach Web-TV-Serien sei groß, eine weitere Serie für einen anderen Auftraggeber bereits in Vorbereitung. Auch Joel Berger will es bei einem Erfolg der Mädchen-Soap sicher nicht nur bei einer Staffel bewenden lassen. Christian Meier

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