Medien : Mystery aus Münster

Der ARD-Krimi „Das zweite Gesicht“ ist der zehnte WDR-„Tatort“ mit Jan Josef Liefers und Axel Prahl

Kurt Sagatz

„Komme ich zu früh?“, fragt Münsters bekanntester Fernsehgerichtsmediziner Karl-Friedrich Boerne und erhält von „Tatort“-Kommissar Frank Thiel nur die lakonische Antwort: „Nein, zu spät, sie ist bereits tot“. Als sich Boerne in der Wohnung der toten Hellseherin Roswitha Brehm umsehen will und fragt: „wo ist sie denn“, erhält er nur die schroff-komische Antwort: „im Jenseits“. Auch im zehnten Tatort, den der WDR seit 2002 aus der westfälischen Provinz produziert hat, stimmt die Mischung aus Krimi und subtilem Humor, auch wenn dieser Münster-„Tatort“ etwas aus der Reihe fällt. Für diesen Sonntagabend-Krimi mit dem Titel „Das zweite Gesicht“ braucht es tatsächlich hellseherische Fähigkeiten, sonst verliert der Zuschauer allzu schnell den Überblick sowohl über die Zahl der Toten als auch die Handlungsstränge. Was hat es auf sich mit dem erfrorenen Obdachlosen, den Rechtsmediziner Boerne (Jan Josef Liefers) als Ersten auf den Seziertisch bekommt? Was bedeuten die schemenhaften Traumbilder mit den Blutflecken auf Wänden und Böden, die Hellseherin Brehm noch kurz vor ihrem Tod zu Kommissar Thiel (Axel Prahl) treiben? Und in welchem Zusammenhang steht das Haus, in dem die Leiche der Hellseherin gefunden wird, und das sechs Jahre zuvor Schauplatz eines grausigenVerbrechens geworden ist, als dort mit Ausnahme der Tochter die gesamte Familie Steinhagen unter bis heute ungeklärten Umständen ums Leben kam und nicht einmal ihre Leichen gefunden wurden? Mystery aus Münster, so lautet das Konzept dieses WDR-Tatorts.

Immerhin, es gibt die bewährten Konstanten. Die Beziehung zwischen dem snobistischen Boerne und dem ewig grimmig dreinblickenden Thiel erreicht frostige Tiefen, was vor allem an der defekten Heizungsanlage in Thieles Wohnung liegt, die Vermieter Boerne noch immer nicht repariert hat, weil er sein Vermögen lieber in windige Aktiengeschäfte investiert. Diese Aktiengeschäfte sind übrigens auch der Grund, warum Boerne die Hellseherin aufgesucht hat.

Sicher, vieles an diesem „Tatort“ wirkt routiniert, nicht nur beim Gegensatzpaar Boerne-Thiel, sondern auch bei den wiederkehrenden Nebenfiguren wie Boernes Obduktionsassistentin „Alberich“ (Christine Urspruch) und Thieles Komissarskollegin Nadeshda Krusenstern (Frederike Kempter). Umso wichtiger sind auch dieses Mal die übrigen (Gast-)Rollen, wobei Hellseherin Brehm als Mordopfer naturgemäß nur einen geringeren Part hat. Anders als Franziska Steinhagen, die einzig Überlebende des Familiendramas. Auch Franziskas (Lavinia Wilson) Erscheinung haftet etwas eindeutig Esoterisches an. Zudem versteht sie es wunderbar, gegenläufige Signale auszusenden. So versetzt sie den Zuschauer gekonnt in Verwirrung, wenn das Lächeln um ihren Mund wieder einmal nicht zu dem noch immer unbewältigten Schmerz über den Verlust des Bruders passt.

Die mysteriöse, etwas überkonstruierte Geschichte stammt vom Autorenteam Matthias Seelig und Claudia Falk. Das Telefon sollte man an diesem Sonntagabend besser abschalten. Jede Unterbrechung gefährdet das Gesamtverständnis. Den mitunter morbid-schönen Bildern, die unter der Regie von Tim Trageser entstanden sind, schadet das weniger. Davon gibt es reichlich im winterlich unterkühlten Münster.

„Tatort: Das zweite Gesicht“; ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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