Medien : N 24: Neu-Berliner

Erik Heier

Der neue Stuhl ist schon mal ganz bequem. "Hast einen guten Hüftschwung drauf", grinst der Studiotechniker. Nachrichtenredakteur Marcus Tychsen wippt prüfend: "Mal sehen, wie das am Montag nach zwei Stunden Sitzen aussieht." Montag ist nach Sonntag, dem Tag, an dem bei N 24 gegen neun Uhr der Schalter umgelegt wird. Der Tag, von dem an die Nachrichtenstation nicht mehr aus München, sondern aus Berlin sendet. Der Tag, dem sie hier alle entgegenfiebern. Oder entgegenfiebern müssten. N 24 sitzt auf ausgepackten Koffern, auf Kisten, die überall herumstehen. Doch wer zwei Tage vor dem Start durch das Labyrinth der bisherigen Sat 1-Zentrale in der Jägerstraße in Mitte läuft - vom großen News-Raum im dritten zum Redaktionsraum des Wirtschaftsressorts im zweiten Stock und dann ins Erdgeschoss, zum Regie-Raum und den beiden Studios im Erdgeschoss - sieht auch durchaus entspannte Gesichter.

Vier Wochen dauert der Probebetrieb schon. Es werden Moderationen geübt und das digitale Redaktionssystem und die neuen Flachbildschirme, auf denen die Interviewparter neben Sprecher Tychsen erscheinen werden, getestet. Viele Redakteure sind in den letzten Wochen zwischen Bayern und Berlin hin und her gependelt, der Wohnungsmarkt wurde sondiert, die Vorzüge von Prenzlauer Berg gegen Savigny-Platz abgewogen. München schickte sukzessive einen Großteil der Sendetechnik nach Norden und produziert mit noch immer provisorischen Mitteln bis Sonntag das N 24-Programm. Rund 60 Redakteure ziehen von München in die neue Zentralredaktion nach Berlin, die Sportredaktion der Senderfamilie von N 24, Kabel 1, Pro 7 und Sat 1 ist dafür in die bayerische Hauptstadt verlegt worden.

"So viele schweißgebadete Spediteure habe ich selten gesehen", grinst Ulrich Ende entspannt, man kennt ihn nicht anders. Kein Zweifel, dass am Sonntag, wenn kurz vor den Nachrichten um neun Uhr ohne viel Trara der Schalter umgelegt werde, alles glatt gehe, der Einsatz des Teams stimme. Kein Zweifel, dass N 24 seine Rolle als zentraler Nachrichtendienstleister für Kirchs Senderfamilie erfolgreich bewältigen werde. Kein Zweifel, dass der Umzug zu den politischen Entscheidungsträgern nach Berlin, gerade Mal eineinhalb Jahre nach dem Sendestart in München, sinnvoll sei. Dass keine Zeit verloren wurde.

Fragt man Helmut Brandstätter, Chef des Konkurrenten n-tv, sagt der genau das Gegenteil. Brandstätter residiert nur wenige Straßenzüge und eine Parallelstraße entfernt in der Taubenstraße. Die Übertragungswagen von N 24 und n-tv könnten sich gegenseitig die Vorfahrt nehmen, wenn sie zum Bundestag heizen. Er, Brandstätter, müsse lachen, wenn er hört, dass N 24 bis 2004 schwarze Zahlen schreiben will. Sein Sender hat dafür sechs Jahre gebraucht. Vertrauen beim Zuschauer werde nur langfristig aufgebaut, zudem breche momentan das Werbegeschäft ein. Und dass N 24 keine Einschaltquoten veröffentlicht, sei ihm auch völlig klar: "Das guckt doch sowieso keiner."

Ja, ja, der Brandstätter. Ende lächelt unverdrossen. Man gehe gern mal ein Bier miteinander trinken. N 24 verfolge nicht die "Stand-alone"-Strategie des Konkurrenten, sei vielmehr in die Senderfamilie eingebunden, mit koordinierter Werbevermarktung und technischer Logistik. Hier, in der Jägerstraße, laufen die Nachrichten in einem Pool zusammen und können zielgruppengerecht auf die einzelnen Sender zugeschnitten werden. So solle Pro 7 die laut N 24-Geschäftsführer zu lange vernachlässigte, jüngere Zielgruppe mit Nachrichten versorgen, Sat 1 sei für das breite Publikum zuständig. Die Synergien ergäben sich vor allem auf der technischen Ebene. Zu einer Pressekonferenz fahre dann eben nur ein Team, nicht drei. Die Vorwürfe, somit würden Einheitsnachrichten fabriziert, stören Ende wenig, entscheiden doch die Redakteure bei den einzelnen Sendern selbst, wie sie das von N 24 gelieferte Rohmaterial verarbeiten: "Die ARD macht doch bei den Dritten auch nichts anderes."

Im Programm werden nach und nach Änderungen eingebaut. N 24 arbeitet künftig mit zwei Schriftbalken für Börsenkurse und Nachrichten, die in unterschiedlicher Geschwindigkeit unten durchs Bild laufen. Außerdem wird das Farbdesign des Senders schillernder. An neuen Sendeformaten wie einer Talkshow werde gebastelt. Vielleicht an einem Talk aus Berlin.

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