Nach Al-Dschasira-Verbot : "Wir sind Teil des Protests"

Korrespondent Aktham Suliman über das Verbot von Al Dschasira in Ägypten - und warum sein Sender keine Revolutionen auslöst.

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Mit Handy-Kameras filmen viele Ägypter die Proteste und stellen das Material ins Netz. Der TV-Sender Al Dschasira nutzt die Videos für seine Berichte. Foto: dpa
Mit Handy-Kameras filmen viele Ägypter die Proteste und stellen das Material ins Netz. Der TV-Sender Al Dschasira nutzt die Videos...Foto: dpa

Herr Suliman, die ägyptische Armee hat am Montag in Kairo mehrere Ihrer Kollegen zwischenzeitlich festgenommen, bereits am Sonntag hatte der ägyptische Informationsminister Anas el Fekki ein Arbeits- und Empfangsverbot für Al Dschasira angeordnet. Warum?

Die Antwort kennt nur Herr el Fekki. Aus unserer Sicht sind die Maßnahmen nur ein weiteres Zeichen dafür, dass eine Regierung wie die ägyptische der Vergangenheit angehören muss. Denn wo enden wir, wenn die Exekutive entscheiden darf, welche Medien berichten und wie Korrespondenten in einem Land arbeiten dürfen. Leider gab es bisher in Ägypten keine regierungsunabhängigen Medienbeauftragten, sondern nur dieses sogenannte Informationsministerium – das eher ein Desinformationsministerium ist.

Das Internet und damit Netzwerke wie Facebook und Twitter sind in Ägypten bereits vergangene Woche gekappt worden, jetzt sollen sich die Menschen auch nicht mehr über Nachrichtensender wie Al Dschasira informieren können.

Dabei gehen die Menschen ganz sicher nicht auf die Straße, weil sie Bilder von anderen Demonstranten im Fernsehen sehen. Wir als Fernsehsender können keine Revolution auslösen, sondern nur über sie berichten. Ob die Berichterstattung dann wiederum der Revolution zum Erfolg verhilft, werden Medienwissenschaftler erst später analysieren können. Viel entscheidender als der Blick auf den Bildschirm ist für die Menschen der Blick aus dem eigenen Fenster. Wenn sie sehen, dass die anderen Leute demonstrieren, wagen auch sie sich auf die Straße.

Hat Al Dschasira schon vor den Protesten kritisch über das Mubarak-Regime berichtet?

So weit es ging. Wir wollten unser Büro und unsere Korrespondenten im Land behalten. Deshalb durften wir nicht zu kritisch sein, sonst wären wir schon früher verboten worden. Genau genommen müssen wir in jedem nichtdemokratischen Land in der arabischen Welt die Berichterstattung in Schach halten und berichten nicht alles, was wir wissen. In Ägypten aber hat jetzt keiner mehr Angst vor dem Regime – weder Al Dschasira noch andere Medien und auch nicht das Volk. Wir sind Teil der Ablehnungsbewegung geworden.

Und berichten trotz des Verbots weiter?

Die Regierung hat unser Büro schließen lassen, unseren vier Korrespondenten die Lizenz entzogen und uns vom Satelliten „Nilsat“ heruntergenommen, so dass wir in Ägypten nicht mehr zu empfangen waren. Die Zuschauer merken trotzdem kaum etwas davon. Denn wir senden über andere Frequenzen weiter. Und Bilder werden weiterhin von den Nachrichtenagenturen geliefert, dazu kommen all die Aufnahmen, die übers Internet verbreitet werden. Die Demonstranten filmen mit ihren Handy-Kameras und schicken die Videos an den Sender. Die machen quasi unsere Arbeit. Wir sind praktisch zu Rezipienten dieser jungen Leute gemacht worden.

Eine kritische und unabhängige Berichterstattung ist dadurch kaum möglich.

Nur sehr schwer. Wir müssen jetzt sehr viel mehr Quellen vergleichen. Wenn ein Demonstrant anruft und sagt, wir sind hier 150 000 Leute, dann ist das nicht wirklich zu kontrollieren. Gerade, wenn sich die Ereignissen wie zurzeit überschlagen und die Sender permanent berichten.

Was werden die Bilder aus Ägypten und Tunesien bei den Menschen in den anderen arabischen Ländern auslösen?

Viele Menschen glauben, dass solche Berichte andere Menschen ermutigen, Ähnliches zu machen. Ich meine aber, dass Massenmedien nur eine bereits vorhandene Stimmung verstärken können. Die Leute wagen sich dann auf die Straße, wenn für sie das Maß an Unterdrückung voll ist und sie genug Selbstwertgefühl entwickelt haben.

Wann wird Al Dschasira ohne Einschränkung aus Ägypten senden können?

Sehr bald. Endet die Revolution im Chaos, dann sind die Massenmedien ohnehin da. Aber auch wenn es eine geordnete Machtübergabe gibt.

Fürchten Sie nicht, dass neue Machthaber eine freie Presse wieder mit Repressalien belegen könnten?

Wir hoffen inständig, dass in Ägypten jetzt endlich eine neue Zeit anbricht, in der eine freie, unabhängige und kritische Berichterstattung selbstverständlich ist.

Das Gespräch führte Sonja Pohlmann.

Aktham Suliman, 40, berichtet als Korrespondent für den arabischen Fernsehsender Al Dschasira aus Berlin.

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