Medien : Nach dem Hype

Weblogs überbewertet? Im Gegenteil: Die Blogger schreiben sich gerade warm

Kurt Sagatz

Taxifahrer, Kneipenbesitzer und Friseure gelten als gut informierte Mitmenschen. Wenn etwas in ihrer Umgebung passiert, kennen sie am ehesten die interessanten Details. Dass nur jeder vierte aus diesen Berufsgruppen etwas mit dem Begriffen Weblog, Blogs oder Bloggern anzufangen weiß, wie die Marktforscher der britischen Werbeagentur DDB herausfanden, spricht nicht gerade für die Popularität der neuen Internet-Medien und ist nur einer von vielen Gründen, warum derzeit diskutiert wird, ob die als neue Form des Journalismus angesehenen Meinungsbörsen nicht massiv überbewertet werden? Mehr noch: Nachdem die „Washington Post“ wegen massiver Beleidigungen ihrer Ombudsfrau Deborah Howell die Kommentarfunktion dieses Weblogs zumindest einstweilen gesperrt hat, stellt sich zugleich die Frage, ob die klassischen Medien diese Interaktivität mit ihren Lesern überhaupt beherrschen können – oder sollen?

Am Anfang war wie so oft der Hype. Millionen aktive Blogger in Amerika können einfach nicht irren. Christoph Neuberger, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Münster, gibt zu, dass der Blick auf die Weblogs verzerrt ist und mitunter Äpfel mit Birnen verglichen werden. Es müsse stärker unterschieden werden, um welche Art von Internet-Tagebuch es sich handelt. Denn die breite Masse von privaten Weblogs sei – anders als die immer wieder zitierten Beispiele wie Bildblog oder der perlentauchende Schockwellenreiter – gar nicht an der großen Öffentlichkeit interessiert. Als Journalismus von unten sind diese Blogs weder gedacht noch geeignet.

Diese Differenzierung deckt sich mit einer Untersuchung, die das Hamburger Beratungsunternehmen Fittkau und Maaß Ende vergangenen Jahres publizierte. Die Marktforscher fanden heraus, dass zwar drei von vier Onlinern Weblogs kennen, aber nur 20 Prozent die Internet-Tagebücher auch nutzen. Die Zahl der regelmäßigen Besucher sei sogar noch geringer und liege gerade einmal bei vier Prozent.

Die professionellen Medienblogs betrifft das allerdings weniger. Sie finden ihren Zulauf durch die zahlreichen Besucher der Zeitungs- und Magazin-Webseiten. „Formal haben sie den gleichen Charakter wie die reinen Internet-Blogs. Auch bei ihnen werden täglich neue Beiträge eingestellt und die Leser haben die Möglichkeit zur direkten Gegenrede. Dennoch entsprechen sie nicht dem Geist der Weblogs, die dem Mainstream nichts abgewinnen können“, fasst Neuberger die Unterschiede zusammen. „Von der Szene werden diese Blogs häufig belächelt.“

Das sollte für die Medien allerdings kein Grund sein, sich von der neuen Kommunikationsform gleich wieder abzuwenden. Im Gegenteil: Vielmehr würden in Deutschland die Chancen der sinnvollen journalistischen Weiterentwicklung bei weitem noch nicht ausreichend eingesetzt, meint Neuberger. Die Internet-Tagebücher böten eine einmalige Chance, eine größere Nähe zwischen den Autoren und den Lesern herzustellen.

Und das erst nicht seit gestern: „In den Foren beispielsweise von Spiegel online wird schon seit Jahren auf hohem Niveau diskutiert“, hält er Kritikern entgegen. Und auch wenn es bei der Multimedialität und Interaktivität noch Aufholpotenzial gibt, haben sich in Deutschland einige Vorreiter für das Zusammenspiel zwischen dem gedruckten Offline-Medium und dem Internet entwickelt. Im Online-Angebot der Wochenzeitung „Zeit“ stehen zum Beispiel nicht nur die Blogs der eigenen Autoren, die Webseite hat sich nebenher zu einer Navigationshilfe durch die Weiten der Blogosphäre entwickelt.

Sicher ist: Auch beim Bloggen gibt es in Deutschland den „üblichen Internet- Rückstand zu den USA“, sagt Neuberger und fügt an: „Es fehlt an einer Diskussion, wie man mit dem neuen Medium Blogs im professionellen Journalismus umgehen soll“. Sicher ist aber auch: Weblogs sind keine Selbstläufer. „Auch bei Blogs kommt es auf die Inhalte und nicht zuerst auf die Form an. Ein interessanter Blogbeitrag an der richtigen Stelle der Homepage kommt auf gute Klickraten“, sagt Parvin Sadigh, die den letzten „Zeit“- Blogwettbewerb mitorganisiert hatte.

Probleme mit unflätigen Leserkommentaren stellen sich zudem nicht automatisch ein, sagt Markus Horeld, Redaktionsleiter von Tagesspiegel online, der mehr mit einer anderen Automatik kämpft: „Für Weblogs gibt es inzwischen Spam-Automaten, die Werbemüll in die Kommentare einschreiben“, so Horeld. Insgesamt überwögen jedoch die positiven Aspekte der Blog-Funktionen, „wir planen, dass Leser künftig zu jedem Artikel einen Kommentar einstellen können“, so Horeld – allerdings nur für registrierte Nutzer mit einer funktionierenden E-Mail-Adresse. Denn auch im Internet diskutiert es sich besser, wenn man sein Gegenüber kennt.

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