Nach dem Jauch-Coup : Große Mutter ARD

Fünf Tage, sechs Köpfe: Mit Günther Jauch hat das Erste zu viel Personal – und zu wenige Lösungen.

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Keine guten Aussichten?
Keine guten Aussichten?Foto: Rainer Unkel / vario images

Diese Operation kann bis zu einem Jahr dauern, und ihr Ausgang ist offen. Die Intendanten der ARD und Programmdirektor Volker Herres müssen die Folgen des Engagements von Günther Jauch (53) in ein schlüssiges und weithin zufriedenstellendes Angebot übersetzen – für die Zuschauer und die „Opfer“ des Deals.

Anne Will (44) ist die prominenteste Verliererin, wenn ihr Jauch im Frühherbst 2011 die politische Talkshow am Sonntag stiehlt. Nur wenige Stunden vor der Bekanntgabe des Neuzugangs ist Will am Donnerstagmorgen von NDR-Intendant Lutz Marmor informiert und damit überrumpelt worden. Die Talkerin macht Urlaub in den USA. Die Reaktion aus dem Büro der Will Media GmbH war denkbar knapp: „Der NDR beabsichtigt, uns einen alternativen Sendeplatz anzubieten. Darüber werden wir uns in aller Ruhe nach unserer Sommerpause unterhalten.“ Anne Will kann schon verbittert sein, schließlich hat die Nachfolgerin von Sabine Christiansen (52) den politischen ARD-Talk am Sonntag als die erfolgreichste Sendung im Format behauptet. Würde Jauch nicht kommen, wäre sie, die in der ARD nicht die beliebteste Mitarbeiterin ist und in den Chefkreisen das Old-Boys-Networking nicht bedient, auf dem Platz sitzengeblieben.

Große Mutter ARD? Programmdirektor Herres versucht zu beruhigen und spielt auf Zeit. Er erklärte, es werde für alle Formate angemessene Sendeplätze geben. „Die nötigen Schemaanpassungen werden in Ruhe diskutiert. Wir haben ja noch über ein Jahr Zeit.“ Sein Statement bezieht sich auf die Entscheidung, die „Tagesthemen“ von Montag bis Donnerstag einheitlich um 22 Uhr 15 beginnen zu lassen und danach Gesprächssendungen zu platzieren. „Beckmann“ am Montag ist gesetzt, aber „Menschen bei Maischberger“ wird, so flüstern es die ARD-Auguren den Dienstag räumen müssen. Der NDR als „Anne Will“-Patron hat die Talkerin für Jauch geopfert, also muss der WDR auch etwas einbringen in den Jauch-Deal, für den NDR und WDR gemeinsam einstehen. Der WDR wird als Patron von Sandra Maischberger (43) den Dienstag für „Anne Will“ räumen, auch, damit der Will-Talk als politische Talkshow gegen das Talkmagazin der ZDF-Neuerwerbung Jörg Pilawa (44) eine Alternative bildet. „Menschen bei Maischberger“ wäre dann am Donnerstag keine direkte Format-Konkurrentin gegen „Maybrit Illner“ im Zweiten. Freilich muss auch Harald Schmidt mit seinem Late-Night-Talk am Donnerstag mitspielen, dessen Sendung von den Programmänderungen ebenso betroffen ist.

Andererseits besteht WDR-Intendantin Monika Piel nicht länger auf dem Sendetermin für „Hart aber fair“ am Mittwoch um 21 Uhr 45. Dort talkt Frank Plasberg (53), er wird nun in die Spätabendleiste verschoben. Er sagte dem Tagesspiegel, „ich vertraue darauf, dass eine Sendung, die beim Publikum so gut ankommt, auch einen herausragenden Sendeplatz bekommt“. „Hart aber fair“ sei auch im Jahr 2010 die erfolgreichste politische Talkshow vor „Anne Will“ und „Maybrit Illner“. „Und das wollen wir auch bleiben“, sagte Plasberg.

„Hart aber fair“ liegt nach seinen Angaben bei den Marktanteilen mit 14,8 Prozent vor Will (14,6 Prozent) und Illner (11,4 Prozent). Bei den Zuschauerzahlen hält „Anne Will“ mit durchschnittlich 4,22 Millionen klar die Spitze. Plasberg gibt sich gelassen, der Mann mit angeschlossener Produktionsfirma ist im ARD-Programm und im WDR-Fernsehen breit aufgestellt – anders Anne Will: ihre Produktionsfirma steht für eine Sendung. Ob die sie ARD verlässt? Wenig wahrscheinlich, so gut dotierte Verträge bietet nur das Erste. Ob die ARD darauf spekuliert, dass sich Will neue Aufgaben, gar einen neuen Sender sucht? Immerhin gibt es mit dem Jauch-Start drei Polittalks in der ARD, am Sonntag, Dienstag und Mittwoch. Das ZDF kommt mit „Maybrit Illner“ aus.

Größere Änderungen sind für das ZDF-Format mit Maybrit Illner (45) zudem nicht vorgesehen, erklärt der Mainzer Sender auf Nachfrage: „Wir sind nicht nur mit dem Quotenverlauf, sondern vor allem mit dem Format und der Moderatorin überaus zufrieden“, sagt Sendersprecher Jörg Berendsmeier und spricht von weiteren Feinoptimierungen des Donnerstagstalks.

Jörg Pilawa hat das ZDF für das Menschliche von der ARD abgeworben. Er übernimmt von Oktober an ein wöchentliches Format am Dienstag um 22 Uhr 45 und wird zudem in zwei Primetime-Abendshows am Mittwoch und Samstag um 20 Uhr 15 eingesetzt. Was Pilawa genau macht? „Informationen zu den Sendekonzepten werden wir zu gegebener Zeit der Öffentlichkeit vorstellen“, sagt Berendsmeier. Medienberichten zufolge sind die Planungen bereits erheblich weiter. Es wird von einem öffentlich-rechtlichen „Stern TV“ gesprochen, allerdings weniger krawallig und seicht. Wenn Jauch 2011 die Moderation dieses RTL-Formats abgibt, könnte diese Option fürs Zweite noch interessanter werden. Allerdings erscheint es wenig wahrscheinlich, dass Jauchs Firma i&u wie kolportiert auch noch die Pilawa-Show produziert.

RTL hat mit der Frage, wer „Stern TV“ nach 20 Jahren Jauch ein neues Gesicht geben soll, zwar theoretisch noch Zeit. Praktisch muss der Wunschmoderator aber überhaupt zur Verfügung stehen. Zu den Köpfen, denen die Aufgabe zugetraut wird, gehört Markus Lanz (41). Er verhandelt derzeit mit dem ZDF über eine Vertragsverlängerung. RTL kennt Lanz bestens aus seiner Zeit als Moderator des Magazins „Explosiv“.

Bleibt eine letzte Frage: Was macht jetzt eigentlich Johannes B. Kerner?

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