Medien : Nach Gutsherrinnenart

ARD dreht wieder an der Zeitmaschine: „Abenteuer 1927 – Sommerfrische“

Simone Schellhammer

Von früh bis spät schuften, für wenig Geld und möglichst unsichtbar. Bei so etwas zuzuschauen, fanden schon in der Reihe „Abenteuer 1900 – Leben im Gutshaus“ über drei Millionen Menschen interessant. Und so kündigte die ARD direkt nach der Ausstrahlung eine Fortsetzung an. Nicht mit den gleichen Protagonisten – „Die würden auch nicht noch einmal mitmachen", sagt Regisseur Volker Heise – aber im gleichen, umgestalteten Gutshaus nur rund 30 gedachte Jahre später, nämlich in den mal als golden, mal als wild gerühmten 20ern des letzten Jahrhunderts. Rund 1500 Leute hatten sich darum beworben, sechs Wochen als Gutsherrin, Sommergast oder „Mädchen für alles“ auf einem Anwesen in Mecklenburg-Vorpommern zu verbringen.

Die Geschichte, die dieses Mal erzählt wird, dreht sich um die gnädige Frau Susanne Vogel (im bürgerlichen Leben Tennislehrerin und Moderatorin), die sich fünf Sommergäste nach Belitz einlädt, um dort allerlei Vergnügungen zu unternehmen. So gibt es Reitstunden, Ausflüge in schicken Limousinen ans Meer, Körperübungen zur Selbstentfaltung und große Feste mit bunten Revuen. Darum mussten beim Casting alle Sommergäste musisch begabt sein und ein Faible für den Stil der 20er Jahre mitbringen. Auf der anderen Seite des Luxuslebens arbeiten zehn Dienstboten, um die Festessen, Vollbäder und Ausfahrten möglich zu machen. All das geschieht mit einer Ernsthaftigkeit, der man Respekt zollen muss, selbst wenn man den Nostalgietrend der ARD allmählich satt hat.

Auch der Vorher-Nachher-Effekt in der so genannten Zeitschleuse ist nun bekannt. Wenn die Protagonisten aus ihren Anoraks und T-Shirts in lange Rüschenunterhosen und Hängekleidchen schlüpfen, neue Frisuren erhalten, sich Hauben oder Turbane aufsetzen und allesamt sofort zehn Jahre älter aussehen. Doch bei aller Freude an der aufwändigen Ausstattung, diesmal sieht die Herrschaft doch recht verkleidet aus. Die Dienstboten in den schlichten, gedeckten Stoffen hingegen umgibt eine besondere Form von Würde. Und so ist es auch interessanter, ihnen beim Schuheputzen und Sensen zuzusehen als der illustren Gesellschaft beim Reiten oder Musizieren.

Am stärksten durchgerüttelt von diesem Experiment werden wieder die Dienstboten. Der 23-jährige Hausbursche erlebt, welch tiefe Ruhe es ohne Autos, Handy und Fernsehen gibt. Das „Mädchen für alles“ nimmt sich vor, nach der Rückkehr in ihr heutiges Leben der Mutter mehr im Haushalt zu helfen. Und der Diener, der statt Nehmerqualitäten nur geschundene Füße hat, gibt seinen Job als unsichtbarer Vermittler zwischen den zwei Hierarchieebenen vorzeitig auf.

In „Abenteuer 1927“ genügt allerdings der mehr oder weniger schlichte Alltag in einem Gutshaus nicht mehr, es soll „eine kulturelle Atmosphäre“ geschaffen werden, und es müssen für die 16 Folgen ein paar Veranstaltungen her. Das alles wirkt ziemlich angestrengt. Gegen Ende gibt es dann sogar eine Hochzeit, wobei das Paar sich nicht etwa im Gutshaus kennen gelernt hat, sondern dorthin eingeladen wurde. Trotz all der stilvollen Kostüme wird die Serie wohl keinen neuen Garçonne-Look oder Charleston-Trend auslösen, aber wieder einmal die Erkenntnis befördern, welch unkompliziertes, einfaches Leben wir haben.

„Abenteuer 1927 – Sommerfrische“, von heute an dienstags bis freitags um 18 Uhr 50 in der ARD

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