Medien : Nach Schema K

Neues aus Knopps Werkstatt: Hermann Göring

Barbara Nolte

Man hatte sich schon gefragt, was er wohl tun werde, wenn alle Helfer Hitlers porträtiert, wenn jede Weltkriegsschlacht und jeder deutsche Flüchtlingsstrom zu einem Film verarbeitet wären; wenn er das Dritte Reich salopp gesagt abgegrast hätte. Nun, Guido Knopp fängt einfach wieder von vorne an. Das neue Projekt seiner ZDF-Redaktion Zeitgeschichte erzählt das Leben von Hermann Göring, wie er es in den 90ern schon einmal machte. Diesmal in aller Ausführlichkeit: dreiteilig.

Aufhänger sind neue Filmfunde, 16-mm-Aufnahmen, gedreht von Hermann Göring persönlich. Filmautor Jörg Müllner hat sie einem Unternehmer aus Ohio abgeschwatzt. Eine weitere Rolle kommt von Görings angeheirateter schwedischer Familie.

Und so kann man heute im ZDF zuschauen, wie Göring in seinem Landsitz in der Schorfheide bei Berlin Ostereier sucht. Weitere Ausschnitte zeigen seine Yacht Carin I vor Helgoland und eine Flugschau der Luftwaffe, deren Oberbefehlshaber er war. Nur macht das alles noch keinen Film, schon gar nicht drei Filme. Deshalb hat Jörg Müllner Göring-Experten und Zeitzeugen vor die für Knopp-Produktionen typische schwarze Wand gesetzt. Er hat Archive nach alten Fotos, Film- und Radioschnipseln abgesucht und ließ einige Szenen aus Görings Leben – schemenhaft und ohne Ton – nachdrehen. Es ist die typische Knoppsche Mischung. In ihrem schematisierten Umgang mit der Welt erinnert sie an das Magazin „Focus“, welche die Gegenwart in standardisierte Infografiken, Kästen und Kurzartikel zerlegt. Knopp und seine Schüler arbeiten durchaus solide, Amerikaner produzieren ihre Dokumentationen ganz ähnlich, deshalb verkaufen sich die ZDF-Filme auch so gut ins Ausland. Doch fehlt das Gespür für die Interviewpartner und die Porträtierten. Es sind kalte Filme – bis auf das Pathos der unterlegten Musik.

Diesmal sieht man den feisten Nazi Göring in fast allen Lebenslagen, man hört seine unangenehme, sich überschlagende Nazi-Stimme. Parallel dazu beschreiben Experten und Zeitzeugen seine Morphiumsucht und charakterisieren ihn als jovial, intelligent und gewissenlos. Näher an den Menschen Göring kommt der Film nicht, trotz seiner drei Teile. „Göring – eine Karriere“ erinnert an einen Lehrfilm, der die Biografie des Nazi Number One, wie die Amerikaner ihn in Nürnberg nannten, nacherzählt. Komplett, aber nicht klug. Nach Schema K.

„Göring – eine Karriere“: erster Teil „Der Komplize“, ZDF, 20 Uhr 15; der zweite Teil „Der zweite Mann“ und der dritte Teil „Nazi Nummer eins“ kommen am Dienstag nächster und übernächster Woche zur gleichen Zeit

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