Nachfolger : Körperspannung

Jan-Gregor Kremp ist der neue „Alte“ im ZDF-Freitagskrimi. Zum Kennenlernen werden gleich vier Folgen an vier aufeinanderfolgenden Freitagen ausgestrahlt.

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Aus der Tiefe der Tradition kommt das Team, das den neuen Hauptkommissar Richard Voss (Jan-Gregor Kremp) bei der Fahndung unterstützt. Foto: ZDF
Aus der Tiefe der Tradition kommt das Team, das den neuen Hauptkommissar Richard Voss (Jan-Gregor Kremp) bei der Fahndung...Foto: Michael Marhoffer

Seit dem 11. April 1977 ist vieles so geblieben, seit dem Tag, an dem die erste Folge des ZDF-Freitagskrimis „Der Alte“ ausgestrahlt wurde. Schon damals, vor mehr als 35 Jahren, hatte Siegfried Lowitz als knorriger Hauptkommissar Erwin Köster einen Assistenten: Gerd Heymann, gespielt von Michael Ande. Den „Heymann“, wie sie ihn alle nur rufen, den gibt es heute noch. Er hat Erwin Köster neun Jahre lang zur Seite gestanden und blieb von Februar 1986 an auch dessen Nachfolger Leo Kress (Rolf Schimpf) 22 Jahre lang treu. Danach kam Rolf Herzog alias Walter Kreye. Michael Ande, Jahrgang 1944, hat sie alle erlebt und überlebt, er ist heute der dienstälteste Kommissars-Assistent im deutschen Fernsehen. Hätte da nicht eine Beförderung zum „Alten“ angestanden?

Die ZDF-Serie ist ein Format, das sich seiner Tradition wegen gegen zu viele Veränderungen wehrt. Also sitzen Axel Richter (Pierre Sanoussi-Bliss) und Werner Riedmann (Markus Böttcher) und Gerd Heymann wie gehabt im Kommissariat an der Ettstraße, als der neue Kripo-Chef eintrifft: Richard Voss wird aus Essen nach München gerufen und tritt die Nachfolge von Rolf Herzog an. Jan-Gregor Kremp, geboren 1962 in Monheim am Rhein, folgt Walter Kreye, der im Sommer 2011 schwer erkrankte. Lediglich 44 „Alte“-Folgen hatte er seit März 2008 absolviert. Aus dem unfreiwilligen Pausieren wurde ein endgültiger Abschied. Über dessen eigentlichen Grund – es war zu vernehmen, dass Kreye gerne weitergemacht hätte – kann spekuliert werden kann. Es hieß, Kreye habe der Verjüngungsstrategie des Senders weichen müssen.

Folge 366 ist die erste mit Jan-Gregor Kremp. „Königskinder“ ist sie prosaisch betitelt, es geht um den mysteriösen Tod der 16-jährigen Sharleen Neubauer (Lena Meckel), die vom Dach des hohen Sozial-Wohnblocks fiel oder aber gestoßen wurde. Inszeniert hat den Auftakt zum „Alten“, Teil IV, Ulrich Zrenner nach dem Drehbuch von Robert Hummel.

Vier Folgen werden an den vier aufeinanderfolgenden Freitagen ausgestrahlt. Der neue „Alte“ soll intensiv wahrgenommen und rasch beim Publikum etabliert werden. Spannend ist dabei, ob die Zuschauer den 49-jährigen Kremp als den „Alten“ akzeptieren, wo doch eine andere Besetzung nahegelegen hätte: Michael Ande, der diesen Oktober 68 wird. Siegfried Lowitz debütierte mit 62, Rolf Schimpf mit 61, Walter Kreye mit 65.

Jan-Gregor Kremp kennt diese Bedenken. In einem „FAS“-Interview hat er sie locker gekontert. „Der Alte“ hieße ja so, nicht weil er alt, sondern weil er der Chef sei. Und „mit 50 kann man mal schon einen Chef spielen, oder?“. Mit einer für das betuliche Werist-der-Mörder-Format bestürzenden Ironie skizziert Kremp seinen Kommissar als „Sanguiniker mit Hang zur Entfaltung seiner Kraft, gebremst durch die ihm eigene kafkaeske Heiterkeit, wenn nicht sogar Sartre’sche Lebensbejahung“.

Wird sein Voss ein echtes Grübelmonster, der beeindruckenden Masse Mensch enthoben durch Luftgeistereien? Gemach, Kremp wird nicht gegen die schon geprägte Figur anspielen, er spielt in und mit ihr. „Der Alte“ komme ihm deshalb sehr entgegen, weil sie sehr klassisch angelegt sei. „Ich bin eher der traditionelle Typ, auch als Mann. Und so würde auch der moderne epilierte Kommissar, der gerne Makrele an Safranfäden zubereitet, nicht zu mir passen, auch da bin ich eher der herzhaftere Typ.“ Der aus dem Westfälischen ins Bajuwarische versetzte Hauptkommissar wird nicht fremdeln.

„Der Alte“ ist bei aller Genre-Fixierung eine Schauspieler-Serie, bei der die Täter Schritt für Schritt ermittelt werden. Mehr Innen- als Außenraumszenen, kleinteilige Arbeit, Betonung auf Dialog. Da braucht es Präsenz, damit die Spannung oben bleibt. Kremp hat Präsenz und das, was man „Körperspannung“ nennt.

Wer im Residenztheater München oder im Burgtheater Wien reüssiert hat, der hat das Können, ein Publikum für sich zu interessieren, es für seine Figuren einzunehmen. Kremps Filmografie beweist zudem, was ihm Regisseure, Produzenten und Sender zutrauen – erstklassige Schauspielkunst, so 1995 im Kino mit „Bunte Hunde“ (Regie: Lars Becker), 2004 „Die Quittung“ im ZDF (Regie: Niki Stein), 2012 „Tod einer Brieftaube“ (Regie: Markus Imboden). Hat Kremp Erfolg mit dem „Alten“, ist er abonniert. Hat er keinen, fällt er nicht ins Bodenlose.

Wer übrigens erwartet, dass Kremp alias Voss gegen Heymann alias Ande agieren und agitieren wird, der wartet lange, der wartet umsonst. Richard Voss muss als „Der Alte“ überzeugen und nicht als der Chef von Gerd Heymann.

„Der Alte“, 20 Uhr 15, ZDF

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