Medien : Nachruf: Ein Überzeugungstäter

Bernd Matthies

Wir konnten uns damals gar nicht genug wundern über den merkwürdigen Unverstand des Ost-Fernsehens. Das West-Berlin der Studentenbewegung stand offen für linkes Gedankengut jeglicher Art, die DDR galt vielen von uns als immerhin diskutables Staatsgebilde - und da setzten sie diesen höhnischen Graukopf vor die Kamera, der mit seinen dicken Brillengläsern und der dialektisch knirschenden Rhetorik ungefähr so werbewirksam war wie Ulbricht und Honecker zusammen, eine traurige Ikone des real existierenden Sozialismus. Aber es war ohnehin nie die Aufgabe von Karl-Eduard von Schnitzler, den Westen zu missionieren; er sollte den wankelmütigen Sozialisten im eigenen Land Handreichungen geben, wie denn das Fernsehprogramm des Klassenfeindes zu sehen und zu interpretieren sei. Dennoch wurde sein "Schwarzer Kanal" vor allem im Westen gesehen, als eine Art realsatirisches Panoptikum. Bis zuletzt ist Schnitzler, auch als "Sudel-Ede" bekannt, von seinen Überzeugungen keinen Millimeter abgewichen, unbelehrbar, wie die einen meinen, prinzipientreu ohne jeglichen Anflug von Wendehalsigkeit, wie andere fanden. Am Donnerstag ist er, 83 Jahre alt, in Zeuthen an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben.

Ein tragischer Fall, genau genommen. Denn der rheinische Großbürgerssohn hätte im westlichen System Karriere machen können, hätte es mit sozialdemokratischen Überzeugungen vermutlich zum WDR-Intendanten gebracht. Doch als antifaschistischer Überzeugungstäter konnte er nicht anders, als in die SBZ umzusiedeln, wo er es zum Chefkommentator des Deutschen Fernsehfunks brachte und immerhin als so gefährlich eingeschätzt wurde, dass man ihm im Westen nicht weniger verbissene Gegner wie Matthias Walden und Gerhard Löwenthal gegenüberstellte; im Tagesspiegel analysierte Uwe Johnson seine Sendungen.

Den Grundwiderspruch seiner Arbeit im "Schwarzen Kanal" schien Schnitzler bedenkenlos auszuhalten: Er hatte nichts zu enthüllen, denn der Westen sendete die jeweils aktuelle Kritik an den Zuständen in der Bundesrepublik ganz freiwillig in alle Welt. Folglich bestanden die 1519 Folgen der Sendung überwiegend aus willkürlich zusammengeschnittenen West-Schnipseln, denen Schnitzler höhnische Kommentare beifügte, beispielsweise als "Schmutz und Unrat, der eigentlich auf Rieselfelder fließen müsste". Bis zuletzt wähnte er sich im Kampf, doch der Feind hatte ihn vergessen. Dass ihn die "Titanic" noch einmal zum Kolumnisten beförderte, hat er womöglich dennoch ernst genommen; Scherz und Satire kamen in seinem Weltbild nie vor: "Wir haben alles richtig gemacht."

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