Nachruf : Oliver Storz: Geprägt, prägend

Viele Stoffe und ein Thema: die Nazi-Zeit. Zum Tode des Autors und Regisseurs Oliver Storz.

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Oliver Storz.
Oliver Storz.Foto: dpa

Am Tag, als Adolf Hitler in der Reichskanzlei Selbstmord beging, am 30. April 1945, wurde Oliver Storz 16. Kurz zuvor war der Mannheimer als Grenadier zum „Volkssturm“ eingezogen worden. „Wenn Sie das erlebt haben, in diesem Alter, das prägt ungeheuer“, sagte Storz einmal in einem Interview. Er sagte es, weil sein filmisches wie sein schreiberisches Werk von der Endzeit des Krieges und der ersten Nachkriegszeit geprägt worden ist. Und fügte stante pede hinzu, dass er genug gedreht habe, was in den 50er, 60er und 70er Jahren spielte, auch Komödien seien darunter, siehe „Das Versteck“, 1988 entstanden und erotisch aufgeladen.

Aber da sind diese Brocken, die der Regisseur und Drehbuchautor ins Fernsehen gewuchtet hat: „Das tausendunderste Jahr“ von 1979, in dem zwei 16-Jährige das Jahr 1945 erzählen; „Gegen Ende der Nacht“, 1998 mit Bruno Ganz in der Hauptrolle gedreht, um einen fünffachen Mord im Dezember 1945; „Drei Tage im April“, 1995 in der ARD, die vielleicht eindringlichste Fernseherzählung zu dem Thema, wie eine Gemeinschaft kurz vor Kriegsende mit der grausamen Realität von KZ und Verfolgung konfrontiert wird und bis auf eine Ausnahme jegliche Mitmenschlichkeit verweigert. Die Häftlinge in den Waggons werden in den Nebel, ins Ungewisse weggeschoben.

Oliver Storz hat sich als „inszenierenden Autor“ bezeichnet, doch wie falsch wäre es, den Regisseur bildhafter, herausfordernder, zuweilen satirisch unterwanderter Arbeiten zu unterschätzen. Storz hat die Filmkunst im Fernsehen weitergeschrieben, der Autor konnte sich auf den Regisseur, der Regisseur auf den Produzenten, der wieder auf den Autor verlassen. Dezent (wenn möglich), direkt (wenn nötig) wollte Storz sein Publikum gewinnen. Der Drehbuchautor schrieb auf Schauspieler hin, beispielsweise auf Matthias Brandt; der spielte, eigentlich ein ungeheures Wagnis, in dem Zweiteiler „Im Schatten der Macht“ 2003 den mausgrauen Günter Guillaume, jenen DDR-Kanzleramtsspion, über den Brandts Vater, Bundeskanzler Willy Brandt, stürzen sollte. Der Schriftsteller Martin Walser bezeichnete Oliver Storz in einem Nachruf in der „Süddeutschen Zeitung“ als „Erzähler mit einem Gefühl für Richtigkeit, Gerechtigkeit und Schicksalspointen, die moralisch nicht anfechtbar sind“. Das meint auch seine Prosa, teils leichtgängige, realistisch-aggressive Storys („Lokaltermin“), Kriminalgeschichten und den Roman „Die Freibadclique“ von 2008, in dem fünf Jungen noch 1944 in den Krieg ziehen müssen. Wer wollte, konnte sich dabei an die Debatte um das Waffen-SSMitglied Günter Grass erinnert fühlen.

Oliver Storz wuchs in Schwäbisch Hall auf. Sein Vater Gerhard war Kultusminister von Baden-Württemberg und Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Zudem war Gerhard Storz Koautor des Standardwerks „Das Wörterbuch des Unmenschen“. Oliver Storz war nach dem Studium der Germanistik, Romanistik und Anglistik kurze Zeit Lehrer, arbeitete dann aber als Kulturkritiker für die „Stuttgarter Zeitung“. 1960 wechselte er in die Fernsehabteilung der Bavaria in München. Bis 1974 hat der Autor, Dramaturg und Produzent dort gearbeitet und dabei auch – allerdings unter Pseudonym – die Serie „Raumpatrouille – Die fantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion“ verantwortet. Science-Fiction war die Sache von Oliver Storz nicht, er war mit der Nazizeit und der Nachnazizeit vollends ausgelastet.

Am 6. Juli ist Oliver Storz nach schwerer Krankheit mit 82 Jahren in Egling bei München gestorben.

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