Nachruf-TV : Der virtuelle Trost

Das Geschäft mit dem Tod: Der kommende Trauerkanal Etos TV setzt auf filmische Nachrufe. Ob das funktioniert?

Markus Ehrenberg

Eigentlich ist der Medienmacher Wolf Tillmann Schneider schon erledigt, tot. Der Nachruf auf Schneider läuft über den Bildschirm. Die Familie verabschiedet sich in bewegenden Worten, dazu Urlaubsfotos und elegische Musik. Todestag: 26. März 2007. Halt, Mausklick, Stopp, aus. Schneider ist lebendig. Quicklebendig sogar. Mit einem ungewöhnlichen Spartensender will der 52-Jährige noch die Welt bewegen. Etos TV, eine Art Trauerkanal, soll Ende März starten (Etos, griechisch für „Jahr“). Seit 2007 sitzt Schneider schon an diesem Projekt, draußen im brandenburgischen Glienicke. Sein eigener Nachruf, den er stolz am Bildschirm vorführt, sollte auch die letzten Investoren, Produzenten und Journalisten überzeugen.

Angefangen hat alles mit einer Vorliebe Schneiders: Spaziergänge auf dem Friedhof. „Ich habe mich gefragt, was machen die Leute eigentlich hier?“ Wie trauern die anderswo, zuhause, mit all den Erinnerungen an die Verstorbenen? „Und wieso“, fragt Schneider, „wieso gibt es eigentlich immer nur Nachrufe auf Prominente?“ Das Konzept erinnert an die Nachrufe-Seite, die jeden Freitag im Tagesspiegel erscheint. In akzentuierten Kurzbiografien wird bei Etos TV das Leben von kürzlich Verstorbenen erzählt und öffentlich gemacht – für eine kurze Zeit im Fernsehen und danach für alle Ewigkeit im Internet.

2000 Euro kostet Hinterbliebene die Produktion eines solchen zweiminütigen Films. Die Bestatter, über ihren Bundesverband Mitgesellschafter von Etos TV, nehmen dafür beim Trauergespräch Lebensläufe, Geschichten und Fotos auf. Das Material wird von vier Produktionsfirmen abgemischt. Später sollen auch Filme eingearbeitet werden. Das Ergebnis geht an Etos TV. Eine Woche lang läuft der Nachruf 60 Mal auf dem Trauerkanal. Danach ist er auf der Senderwebsite im Netz jederzeit abrufbar.

3600 Nachrufe im Jahr

Eine Stunde Programm täglich will Etos TV anfangs ausstrahlen, später vier Stunden. Bei rund 830 000 Todesfällen jährlich in Deutschland, rund 3,2 Millionen betroffenen Angehörigen und 500 000 Todesanzeigen rechnet Schneider für Etos TV mit 3600 Nachrufen im Jahr und 5000 bis 8000 Menschen, die sich das täglich im Fernsehen anschauen. Aufgefüllt werden soll das Programm mit Friedhofsdokus und Infomercials aus dem Bereich soziale Partnerschaft. Stichwort: besseres Leben im Alter. Zielgruppe sind 5,6 Millionen Zuschauer über 50 Jahre, die das Bestatter-TV über den digitalen Astra-Satelliten empfangen können.

Das digitale Fernsehen der Zukunft – aber geht das, der Tod als Geschäftsmodell? Schneider, Ex-Marketingchef von RTL, kennt die Vorwürfe, die an der Stelle meistens kommen. „Ob man damit Geld verdienen darf? Was, glauben Sie, machen die Bestatter?“ Dem Einwand stellt der Medienmacher „Weltbewegendes“ entgegen – der öffentliche Bruch mit dem Tabuthema Tod im seriösen Infotainment. Noch Anfang des 19. Jahrhunderts seien Trauerzüge durch die Straßen gezogen. „Mittlerweile werden die Menschen und das Thema Sterben und Tod in Krankenhäusern und Altersheimen versteckt.“ Und im Fernsehen hat der Kritikererfolg der US-Serie „Six Feet Under“ auf Vox gezeigt, dass es in Sachen menschliche Vergänglichkeit noch viel zu zeigen, zu fühlen und zu verstehen gibt.

Auch ein anderer Spartensender will sich mit ähnlichen Themen bei der Zielgruppe der über 50-Jährigen profilieren: BonoTV um den ehemaligen ARD-Moderator Max Schautzer. BonoTV wollte eigentlich „der erste Sender für die zweite Lebenshälfte“ sein, eine Art Seniorenfernsehen. Nach einem verschobenen Start im Herbst 2007 und einem abgesprungenen Investor soll es mit neuen Kapitalgebern jetzt Mitte diesen Jahres losgehen, so BonoTV-Geschäftsführer Jens Ochel. Kern des Programms sollen die Säulen Information, Unterhaltung und Dialog „mit dem Zuschauer und zwischen den Generationen“ sein.

„Neues Programm für die Generation Dutschke"

Finanzierungsschwierigkeiten hat offenbar immer noch ein anderer Nischensender in spé. Ex-RTL-Chefredakteur Rainer Popp will mit TeleVeronica ein „neues Programm für die Generation Dutschke“ etablieren, ein Sender für die „rebellischen Revolutionäre“, die Menschen im Lande, „die heute zwischen fünfzig und siebzig Jahre alt sind und die Zeiten der Studentenunruhen in den sechziger und siebziger Jahren maßgeblich mitgeprägt haben.“

Als Referenzgruppe zählt Popp Namen wie Joschka Fischer, Udo Lindenberg, Alice Schwarzer oder Marius Müller-Westernhagen auf. Dafür müsste der ambitionierte Kanal aber erst mal auf Sendung gehen. Die zuständige Landesmedienanstalt in Niedersachsen rechnet nicht mehr mit der rechtzeitigen Einreichung der erforderlichen Unterlagen zur Finanzierung des Senders. Popp verweist auf die nächsten sechs Wochen: „Noch ist es zu früh, um konkret darüber reden zu können.“

Etwas weiter ist Timm TV. Der Schwulen-Sender aus Berlin, der von der Firma Deutsche Fernsehwerke betrieben wird, hat zwar noch keinen offiziellen Starttermin, ist aber laut Sendersprecher Ingo Schmökel mit allen Beteiligten, vom Vermieter zum technischen Dienstleister, in den letzten Zügen der Verhandlungen. Geplant ist ein Vollprogramm mit eigenproduzierten Magazinen und Dokumentationen sowie US- Serien, das über Satellit und Kabel ausgestrahlt wird, vielleicht auch über lokale Fenster großer Sender.

Bei Etos TV draußen in Glienecke sind alle Verhandlungen abgeschlossen. Lizenzen, Vertrieb und Finanzierung stehen. Wolf Tillmann Schneider hat seinen Laptop nach der Vorführung von Bestatter-TV-Demos zugeklappt und nimmt einen tiefen Zug an der Zigarette. Vielleicht kann der Medienmacher seinem eigenen Nachruf ja wirklich noch etwas Weltbewegendes hinzufügen, wenn sein Trauersender Ende März startet.

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