Medien : Nachts und nackt

Schluss-Szenen einer Ehe: Ingmar Bergmans letzter Spielfilm „Sarabande“

Christiane Peitz

Marianne und Johan, 30 Jahre danach. Die längst geschiedenen Eheleute, er 86, sie 63, sitzen auf der Bank vor dem Landhaus, drumherum Wälder und Seen, eine Idylle. Die beiden halten Händchen, reden darüber, dass man irgendwann im Leben aufhört, Händchen zu halten, und streiten sich ein bisschen, ob er nun ihre Hand hält oder sie die seine. Die Hände des alten Mannes zittern dabei.

Nein, „Sarabande“ sei keine Fortsetzung von „Szenen einer Ehe“, sagt Ingmar Bergman, der große Kinomagier aus Schweden, selbst 86 Jahre alt. Vom Kino hat er sich vor zwei Jahrzehnten verabschiedet, das Fernseh-Kammerspiel nennt er sein letztes, allerletztes Werk, nach dem TV-Film „Dabei: ein Clown“ (1997) und zwei Drehbüchern für Regisseurin Liv Ullmann. Also keine Fortsetzung jenes Films von 1973, in dem Liv Ullmann und Erland Josephson als hoffnungslos verstricktes, verzweifeltes Paar so nachhaltig verstörten. Unerbittlich rechnete Bergman damals mit der bürgerlichen Institution der Ehe ab und warf einen gnadenlos hellsichtigen Blick hinter die Fassaden der Wohlanständigkeit.

Aber ein Nachklang ist es schon. Prolog, zehn Kapitel, Epilog. Gesichter, Dialoge, Blicke, Schweigen. Schlichte, minimalistische Bilder: eine Skizze. Dazu die Sarabande aus Bachs fünfter Cello-Suite und, in einem kurzen Ausbruch von Lautstärke, das Scherzo von Bruckners Neunter. Sonst ist es still, sehr still in diesem Erinnerungsraum, in dem die Alten und die Nachgeborenen leise miteinander sprechen. Ein Familientreffen. Unten im Seehäuschen wohnt Henrik (Börje Ahlstedt), Johans Sohn aus erster Ehe, mit Tochter Karin (Julia Dufvenius), einer angehenden Cellistin. Noch eine Verstrickung: Seit dem Tod seiner geliebten Frau klammert sich Henrik an Karin, missbraucht sie als Ersatz für die Verstorbene. Karin rettet sich in letzter Sekunde.

Es ist alles noch da. Das Lächeln von Liv Ullmann. Das strenge Ebenmaß von Karins jugendlicher Schönheit. Bergmans verwirrter, süchtiger Blick auf die Frauen, seine heillose Liebe zu ihnen. Der Sarkasmus von Erland Josephson. Der Hass zwischen Vater und Sohn, zwei Menschen, die einander zu nahe gekommen sind. Der Protestantismus. Der Ekel und die Angst, die Scheißangst, sagt Johan. Die Verachtung, das Mitleid, die verletzende Schärfe und der Balsam der Worte. Der glimmende Faden der Glühbirne in der Nacht. Die gelassene Melancholie. Und vor allem: die Faszination des menschlichen Gesichts in Großaufnahme. Jemand spricht, und die Worte evozieren Gefühle, Gefährten, Vergangenheiten. Eine Geisterstunde, ein Jenseits-Film. Er spielt zwischen den Bildern.

Was nicht zu sehen ist: Bergmans Wahnsinn, seine Gauklerspiele, die sexuellen Obsessionen, die Traum- und Alptraum-Tableaus. Nur einmal packt Henrik die Tochter vor einer glutroten Wand, und man denkt an „Wie in einem Spiegel“, „Das Schweigen“ oder „Schreie und Flüstern“.

Es wird viel geweint in „Sarabande“, manchmal zu viel ausgesprochen und in schwachen Momenten – wenn Karin mit offenem Haar und weißem Nachthemd in einen nachtschwarzen Waldtümpel stolpert – auch Kitsch riskiert. Die großen Bergman-Filme, das ist die Wucht eines mit der Kamera aufgenommenen Augenblicks, „Sarabande“ ist wie das Blättern in einem Fotoalbum.

Aber das macht nichts. Denn Bergmans Altersmilde ist tückisch. Hier herrscht kein falscher Friede, vielmehr durchweht der Kältehauch des Todes die Szenerie. Jede Emotion – eine Leiche im Keller. Wenn Marianne über Johan sagt, er sei ein Verse dichtender notorischer Lügner, wenn Johan bemerkt, dass er permanent nur an sich selbst denkt, steckt darin das Bekenntnis eines Filmemachers, der zeitlebens um seine Selbstsucht wusste. Meisterlich an Bergmans Filmen war immer auch der Mut zur Selbstoffenbarung. Und als sich Marianne und Johan, ein Greis auf Spinnenbeinen, am Ende nackt zueinander ins Bett legen, ist das keine erotische Szene, sondern ein Epitaph. „Figuren auf einer Grabplatte“, schreibt Volker Schlöndorff im Begleittext.

Am Anfang hatte Liv Ullmann in einem Berg von Fotos gewühlt und dann aufgeschaut, direkt in die Kamera. Nicht aufreizend wie die blutjunge Harriet Andersson bei jenem revolutionären Kamerablick in „Die Zeit mit Monika“, sondern komplizenhaft, freundlich. Bergman, der Unversöhnte, der nicht darüber hinwegkommt, dass der Mensch des Menschen Feind ist, weiß, er wäre ohne die Frauen verloren. Das ist sein Trost: Mariannes Güte, mit der sie Johan einen rührenden Menschen nennt.

Das ZDF als an der internationalen Koproduktion beteiligter Sender ist übrigens „stolz“, „Sarabande“ präsentieren zu dürfen. Aber warum ist die Primetime dem öffentlich-rechtlichen Sender für den letzten Film eines der größten Regisseure trotzdem zu schade?

„Sarabande“, 23 Uhr, „Szenen einer Ehe“, 1 Uhr 05, ZDF

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