Nachtschicht : Mord mit Modedroge

Ein Killer hält Hamburg in Atem: "Nachtschicht - Blutige Stadt" lebt von Dichte der Geschichten. Gedreht wurde fünf Wochen lang nur nachts.

Tilmann P. Gangloff

Nicht etwa Amok laufend, sondern kühl und überlegt ermordet der Killer scheinbar unbescholtene Bürger: erst den türkischen Besitzer eines Reisebüros, dann einen Polizisten. Sein Motiv bleibt offen. Kriminalpsychologin Lisa Brenner (Barbara Auer) fühlt sich herausgefordert – schließlich ruft der Mörder bei ihr an, während das erste Opfer zu seinen Füßen verblutet.

Regisseur Lars Becker hat mit „Nachtschicht: Blutige Stadt“ einen ungeheuer komprimierten Krimi inszeniert. Der Reiz der „Nachtschicht“ besteht ohnehin in der Dichte der Geschichten: Das Team des Kriminaldauerdienstes (KDD) hat eine Nacht lang Zeit, seine Fälle zu lösen. Entsprechend groß sind die Strapazen der Dreharbeiten: Die Augenringe der Darsteller sind echt, denn gedreht wurde fünf Wochen lang nur nachts.

Nach dem Tod ihres Kollegen Teddy Schrader (Ken Duken) ermittelt die Besatzung des KDD nun als Trio. Während Minh-Khai Phan-Thi auch beim sechsten Versuch immer noch wie eine Praktikantin wirkt, nutzen Barbara Auer und Armin Rohde die größere Spielfläche. Beiden gelingt es stärker als in früheren Filmen, die vordergründige Eindimensionalität ihrer Figuren – hier die kühle Kriminalpsychologin Brenner, dort der ruppige Ermittler Erich Bo Erichsen, der selbst Dreck am Stecken hat – zu durchbrechen. Erichsen, ohnehin die heimliche Hauptfigur der Reihe, darf angesichts einer von skrupellosen Dealern vertickten Modedroge, die schon Tote gefordert hat, diesmal sogar Moral zeigen; und Brenner kaschiert mit ihrem freundlichen Lächeln ein kühles Katz-und-Maus-Spiel, bei dem sie ihren Widersachern gern das Gefühl gibt, sie seien die Katze.

Stärker noch als bisher leistet sich Becker (Buch und Regie) den Luxus, diverse Nebenstränge, die Potenzial für eine eigene Handlung hätten, nur anzureißen, um sie später wieder aufzugreifen. Nichts ist dabei Zufall, alles hat seine Bedeutung, und sei es nur, um beim dramatischen Finale für zusätzliche Spannung zu sorgen; deshalb bekommt die Geschichte auch noch einen weiteren Dreh, als es den Mörder längst erwischt hat.

Reizvoll ist nicht zuletzt die Riege der Gastdarsteller. Gerade Uwe Kockisch und Maja Maranow spielen als Ehepaar mit Lust gegen die Klischees ihrer Reihenrollen an (er als Commissario Brunetti in den Donna-Leon-Verfilmungen, sie als Ermittlerin im „Starken Team“). Eine Entdeckung für das deutsche Fernsehen ist der Däne Thure Lindhardt, der mit Hingabe einen vortrefflichen Schurken gibt; nicht zu vergessen Sibel Kekilli als Angestellte im Reisebüro, die längst nicht so unschuldig ist, wie sie sich gibt. Selbst die Rolle ihres überwiegend toten Chefs hat Becker mit Stipe Erceg geradezu verschwenderisch besetzt. Tilmann P. Gangloff

„Nachtschicht: Blutige Stadt“, 20 Uhr 15 Uhr, ZDF

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