Medien : Nachtschicht

Das Senderduell zur US-Wahl bringt nur wenige um den Schlaf. Dabei ist viel investiert worden.

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Witze und Wahlmänner: Matthias Opdenhövel (links) und Jörg Schönenborn leiteten die Wahlsendung der ARD. Foto: Promo Foto: WDR/Herby Sachs
Witze und Wahlmänner: Matthias Opdenhövel (links) und Jörg Schönenborn leiteten die Wahlsendung der ARD. Foto: PromoFoto: WDR/Herby Sachs

Für ARD-Moderator Jörg Schönenborn hat sich sein größter Wunsch in der Wahlnacht erfüllt. „Ich hoffe, dass wir nicht ohne Ergebnis senden“, hatte er gleich zu Beginn der Wahlparty in Berlin gesagt. Bis 5 Uhr 30 sollte die Livesendung im Ersten gehen – elf Minuten vor Ende wagte der Sender die Siegerkür.

Trotz gigantischer Inszenierung war die Berichterstattung allerdings nur für wenige ein Grund, die Nacht über aufzubleiben. Insgesamt verfolgten rund 2,15 Millionen Menschen die Livesendungen im deutschen Fernsehen. Die übrigen vier Millionen Zuschauer, die zwischen 22 Uhr 45 und drei Uhr einschalteten, sahen ein anderes Programm. Eine enttäuschende Bilanz, auch wenn die Quoten für die gesamte Wahlnacht erst am Donnerstag veröffentlicht werden. Gegenüber 2008 war das Zuschauerinteresse an der US-Wahl insgesamt deutlich abgekühlt.

Dabei hatten die Fernsehanstalten das Ereignis aufwendig als Showduell vermarktet. So stellte allein die ARD vier Moderatoren, zwei Experten und 13 Gäste, hinzu kamen sechs Korrespondenten in den USA. Ein ähnlich umfangreiches Team hatte das ZDF versammelt. Eine vergleichbare Präsentation in Länge und Showgehalt hatte es nicht mal zur letzten Bundestagswahl gegeben. Angesichts der Zuschauerzahlen ist das Ausmaß fragwürdig, zumal auch die dramaturgischen Parallelen der Öffentlich-Rechtlichen groß waren. So setzten beide überwiegend auf Diskussionsrunden, um die prägenden Themen des Wahlkampfs zu erörtern.

Immerhin sorgte die ARD für Wiedergutmachung, nachdem sie 2008 als medialer Verlierer gescholten worden war. Sie bot die beste Übersicht und setzte sich mit 10,8 Prozent Marktanteil am Gesamtpublikum vor das ZDF (9,3 Prozent). Insbesondere beim jüngeren Publikum hatte die ARD die Nase vorn.

Das Zweite konnte dafür den Punktsieg bei der Einbindung der sozialen Netzwerke erringen. Für den sorgte maßgeblich Claus Kleber. Der langjährige US-Korrespondent nahm die Zuschauer mit auf einen Streifzug durch Washington. Über Twitter postete er News und Bilder, anschließend liefen die Kurzreportagen, etwa aus einer Bar, in der Wahlsendung.

Das Projekt „Social TV“, das ARD und ZDF ausgerufen hatten, funktionierte aber nicht reibungslos. So holte Jeannine Michaelsen, bekannteste Twitter-Vorleserin Deutschlands, mit der Frage, was Twitter überhaupt sei, viel zu weit aus.

Für einen passenden Kontrapunkt zu den ausschweifenden Wahlpartys der Öffentlich-Rechtlichen sorgte das gemeinsame Programm von RTL und n-tv, durch das Peter Kloeppel und Christoph Teuner führten. Die beiden Privatsender hatten weniger Personal im Studio und setzten, ähnlich wie N24, stärker auf Einspielfilme. Sie erreichten damit eine kompaktere Berichterstattung, die für das beste Ergebnis in der Gruppe der 14- bis 49-Jährigen sorgte (12,5 Prozent).

Die Konkurrenz von Sat 1 wurde damit klar auf die Plätze verwiesen. Der Sender kapitulierte schon im Voraus und präsentierte erst am Morgen eine Sonderausgabe des Frühstücksfernsehens. Anstelle von politischen Analysen befragte der Sender seine amerikanischen Teilnehmer von „The Voice“.

Die besten Hintergründe bot das Vorprogramm von Phoenix. Ab Mitternacht lieferte der Sender dank einer Kooperation mit dem amerikanischen Network CBS Einblicke in die Perspektive des Wahllandes und erreichte so in der Spitze einen Marktanteil von 2,1 Prozent. Auch Phoenix blendete Kommentare von Nutzern aus dem Web ein.

Schließlich kam die inoffizielle Bestätigung des Wahlergebnisses ebenfalls über Twitter: „Four more years“, vier weitere Jahre, teilte das Team des siegreichen Obama mit. Die Siegermeldung übernahmen alle deutschen Fernsehsender praktisch simultan.Christopher Weckwerth

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