Medien : Nacktbaden, Nachtseiten

Tom Peuckert

verrät, was Sie nicht verpassen sollten Haben Sie diesen Sommer schon nackt gebadet? Wild am Waldsee? Organisiert mit dem Verein? Alles ist ja möglich im Rahmen der deutschen Nacktkultur, die eine lange Geschichte hinter sich hat. Autorin Hannelore Hippe erzählt sie im Feature „Nackt sind alle gleich“. Wie es anfing mit dem Geist der Lebensreform und nudistischen Erlösungsfantasien. Wie die Nazis zum Nacktbaden zu prüde waren, aber Walter Ulbricht nichts dagegen hatte. Wie ost- und westdeutsche Freikörperfreunde ihre organisatorische Einheit nur mühevoll fanden. Die Autorin hat sich unters hüllenlose Volk gemischt und sich viele gute Gründe fürs Nacktbaden sagen lassen (Kulturradio, 4. August, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Auch wenn das Nacktbaden immer noch ein paar Feinde hat, ein richtiger Skandal lässt sich da nicht mehr anzetteln. Dabei sind Skandale in der Demokratie doch „Das nützliche Ärgernis“. So der Titel eines Features von Brigitte Baetz, das dem schockierenden öffentlichen Ereignis positive Seiten abgewinnen kann. Eine Gesellschaft ohne Skandale ist krank, so Demokratieforscher. Skandale signalisieren die Vitalität des sozialen Immunsystems. Allerdings sollte selbiges nicht von der notorischen Skandalsucht der Pop- und Medienkultur überlastet werden. Wenn Daniel mit dem Gurkenlaster kollidiert oder der Kaiser irgendwo einen kleinen Thronfolger zeugt, heißt es: cool bleiben. Was wir brauchen, sind substanzielle Skandale (DLF, 5. August, 20 Uhr 10, UKW 97,7 MHz).

Und dann gibt es in unserer Welt Dinge, da weiß man nicht genau, wo der Skandal eigentlich anfängt. Wenn Beobachtungskameras plötzlich allgegenwärtig sind? Wenn intime Details unserer Lebensgeschichte auf Chipkarten gespeichert werden? „Ach Orwell“ heißt ein Feature von Michael Langer und Carl-Ludwig Reichert, das eine Bilanz der zeitgenössischen Kontrollgesellschaft wagt. Wir sind erst am Anfang, was die Möglichkeiten technologiegestützter Tiefenüberwachung betrifft. Schon heute sind verblüffende Dinge möglich (DLF, 6. August, 20 Uhr 10).

Ernst Jünger war einer, der schon vor Jahrzehnten über Nachtseiten des technologischen Fortschritts geschrieben hat. Ein faszinierendes Werk steht im Mittelpunkt eines preisgekrönten Hörspiels von Hermann Kretzschmar: der Tagebuchroman „Strahlungen“, Jüngers Aufzeichnungen aus den Jahren 1939 bis 46. Kretzschmar hat einige der ästhetisch radikalsten Passagen des Buchs ausgewählt und zu den Texten eine beeindruckende Musik komponiert: „Hörspielkammeroper“(DLF,7.August, 20Uhr05).

Last but not least empfehlen wir Rüdiger Safranskis schönen Essay „Im Blick verschwinden“. Eine Rückschau auf das Zeitalter der Metaphysik, dessen langem Sterben wir gerade beiwohnen (SWR 2, 9. August, 21 Uhr 03, Kabel UKW 107,85 MHz).

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