Medien : Nackte U-Boote

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DAS SPIEL IST AUS!

Michael Groß. Erinnert sich noch jemand an den „Albatros“? 1988 war es, bei den Olympischen Spielen in Seoul, da fotografierte er im Athletendorf eine Sportlerin in der Badewanne; sie war nackt und hielt sich Quietsche-Entchen vor die Brust. Die Bilder hatte „Bild“ bestellt – Journalisten dürfen nicht in die Quartiere der Athleten. So machte sich Michael Groß zum Handlanger von Deutschlands größter Zeitung.

In diesen Tagen feiert „Bild“ den 50. Geburtstag, eine gute Gelegenheit, an die Bedeutung des Sports fürs Boulevard zu erinnern. Der Sport verhält sich zu „Bild“ wie der Alligator zum Krokodilwächter, pluvianus aegyptius. „Bild“ nährt sich vom Sport. Anders als in der Natur allerdings, wo der Vogel aus der Familie der Regenpfeifer dem Reptil nie gefährlich wird, schnappt „Bild“ schon mal böse zu.

Berti Vogts hat es erfahren. Der kleine Mann war für Intellektuelle eher eine Witzfigur, weil spießig. Übersehen wurde dabei, dass Vogts Charakter hatte und sich mit seinem konservativen Ehrgefühl „Bild“ widersetzte. Der Bundestrainer Vogts versorgte die Springer-Meute nicht mit exklusiven Nachrichten und Interna, er behandelte das Blatt wie eines unter vielen.

Erinnert sich noch jemand an die WM in Frankreich, 1998? Es war die Zeit, als Lothar Matthäus seinen Zenit längst überschritten hatte. Bayern München schleppte ihn nur noch als Ballast durch; aus der Nationalmannschaft war er zurückgetreten. Doch „Bild“ entfesselte eine so druckvolle Kampagne, dass Vogts den Veteranen schließlich spielen lassen musste. Matthäus kickte grauenvoll, die Deutschen flogen raus, den Schuldigen fand „Bild“ rasch: Berti Vogts.

In Japan und Korea hat die „Bild“-Zeitung kein U-Boot mehr im Team, wie Lothar Matthäus eines war. „Bild“ hat nichts, was andere Zeitungen nicht auch hätten. Keine Exklusiv-Geschichte. Höchstens albern-alliterierende Zeilen wie gestern: „Kampf, Kampf, Kahn“. Norbert Thomma

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