Nahost reloaded : "Deutscher Hof" in Kurdistan

Menschlich und multimedial: "Soukmagazine" beschreibt den Orient anders.

Ferda Ataman

Vor einem Jahr hat sich Ron Yosef als erster schwuler Rabbi im Israelischen Fernsehen geoutet – wie geht es ihm heute? Der Thüringer Gunter Völker eröffnete erst in Afghanistan und dann im kurdischen Autonomiegebiet einen „Deutschen Hof“ – was aber treibt den Wirt in Krisengebiete? In Dubai hat Großmufti Ahmed al Haddad 2009 erklärt, dass auch Frauen als islamische Rechtsgelehrte, sogenannte Muftis, wirken dürfen. Wie wird die kulturelle Revolution nun im Golfemirat umgesetzt, in dessen Nachbarstaat Saudi-Arabien Frauen nicht einmal Auto fahren dürfen?

Berichte wie diese gibt es im „Soukmagazine“, einer einzigartigen Internetzeitschrift zum Orient, die von drei jungen Journalisten betrieben wird. Das Onlinemagazin hat sein einjähriges Jubiläum noch nicht gefeiert, da wurde es jüngst mit dem Axel-Springer-Preis für junge Journalisten und dem Grimme Online Award 2010 ausgezeichnet. „Kenntnisreich, engagiert und auf hohem journalistischem Niveau gelingt es dem Redaktionsteam, den Lesern eine ferne Welt näher zu bringen“, schreibt die Grimme-Jury in ihrer Begründung. Das „Soukmagazine“ sei „ein publizistischer Kontrapunkt zu der Distanz, die die Berichterstattung über diese Regionen häufig hervorruft“.

In Massenmedien haben die meisten Berichte über den Nahen Osten, Nordafrika oder Südostasien mit Terroristencamps, gesteinigten Frauen, Atomkonflikt oder Selbstmordanschlägen zu tun. Nicht so bei Soukmagazine.de. „Wir konzentrieren uns auf den Alltag der Menschen“, sagt Marc Röhlig, einer der drei Gründer des Magazins. „Dabei merkt man, dass die meisten dort die Milchzähne ihrer Kinder mehr bewegen als Bomben und politische Krisen.“ „Souk“ ist Arabisch, heißt übersetzt Marktplatz und steht für das Konzept des Onlinemagazins. „Wir bieten keine aktuellen Nachrichten, sondern hintergründige Reportagen“, sagt Röhlig. Etwa alle fünf Tage erscheint ein neuer Bericht und wird rund 1500 Mal angeklickt. Leser seien vor allem Journalisten, Studenten und „Ältere, mit Zeit für ausführliche Berichte“.

Angefangen hat es im vergangenen Jahr. Der 24-jährige Islamwissenschaftler Röhlig hat zusammen mit seinem Freund Simon Kremer in Damaskus einen Arabischkurs belegt und das Soukmagazine gegründet – zunächst als Plattform für ihre eigenen Reiseberichte. Doch schon bald boten ihnen andere Journalisten ihre Geschichten an, die ebenfalls über den Alltag der Menschen im Orient berichteten. Inzwischen schreiben 25 Autoren für Soukmagazine. Die meisten sind jung, was wohl daran liegt, dass die Redaktionsleiter kein Geld für Veröffentlichungen zahlen. „Wir sind kein kommerzielles Projekt“, sagt Röhlig, „alle hier schreiben aus Lust und Leidenschaft“.

Dafür erhalten die Jungautoren nicht nur ausführlichen Platz für ihre Berichte, Soukmagazine ist auch Trainingsort für multimedialen Journalismus, wo Autoren mit den Facetten des Online-Journalismus experimentieren. Eine interaktive Landkarte zum Beispiel, auf der die Magazinseite ihr gesamtes Gebiet präsentiert – Mauretanien, Jemen und Sudan inklusive. Zwischen konventionellen Texten und Bildern finden sich im Soukmagazine synchronisierte Interview-Ausschnitte, Videos, multimediale Zeitleisten, Audio-Slideshows und interaktive Karten. Selbstverständlich wird jeder neue Artikel über Facebook und Twitter angekündigt.

Röhligs Lieblingsprodukt ist das Slideshow-Programm „Vuvox“, mit dem er seine Reportage „Morgenlandfahrt“ zu einer Collage umgewandelt hat. Dazu hat er Ausschnitte der Fotos von der Reise im Schlafwagen von Syrien in den Iran in einem seitwärts verlaufendem Bild angeordnet. Die ineinander übergehenden Bilder sind mit kurzen Texten versehen und der Vuvox-Kasten, der mit einem Klick aktiviert werden kann, steht mitten in der Textreportage, als Ergänzung.

Die neueste Geschichte soll sogar alle technischen Raffinessen des Internet nutzen. Ab Donnerstag gibt es „eine multimediale Entdeckungsreise durch Afghanistan“, kündigt Röhlig an. Auf einer Landkarte könne man je nach Region Fotos, vertonte Bilderstrecken („Audioslides“) oder Interviews anklicken. Dass das Thema gerade zur aktuellen Debatte in den Mainstream-Medien passt, ist Zufall.

Aber nicht nur mit seinem multimedialen Ansatz bietet das Onlineportal einen Blick auf den Journalismus von morgen. Auch die Biografien der Nachwuchsjournalisten stehen für den Versuch, sich aus der Masse herauszuheben: So hat Soukmagazine-Mitbegründer Jan Hendrik Hinzel mit Anfang 20 bereits von einer Propaganda-Ausstellung der Hisbollah auf den Golanhöhen berichtet. Auch Jungautor Sebastian Christ erklärt stolz, dass seine erste Dienstreise ihn nach Afghanistan führte. Und die 25-jährige Luise Samman hat bereits in Ägypten, Syrien, Jordanien, Libanon, Iran, Israel und Palästina recherchiert.

www.soukmagazine.de

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