Medien : NBC-Journalist Tim Russert gestorben

Christoph von Marschall

Sein Herz war zu groß. Es klingt, als wolle der Tod noch in der Diagnose der Ursache einen Charakterzug Tim Russerts hervorheben. In gut 16 Jahren hat er „Meet the press“ sonntags auf NBC zum wichtigsten politischen TV-Format der USA gemacht. Dabei wirkte er ganz unprätentiös. Der Sohn irischer Katholiken aus Buffalo im Staat New York hatte kein ästhetisch glattes Fernsehgesicht. Seine Nase dominierte, das braune Haar fiel altmodisch lang über die Ohren, als sei er länger nicht beim Friseur gewesen, seine Augen standen eng beieinander.

Aber sein warmes Lächeln nahm seinen Fragen die Schärfe. Nie wirkte er aggressiv oder inquisitorisch, eher wie ein großväterlicher Kumpel, der sich in die Gedankenwelt seiner Gäste hineinfühlen will, um die hohe Politik nachvollziehbar zu machen für Millionen einfache Leute in den Wohnzimmern Amerikas. Deshalb war Russert ein wenig gefürchtet bei Bush, Clinton, McCain und all den anderen politischen Schwergewichten. Er bereitete sich gründlich vor. Seine Spezialität war es, ein Zitat des jeweiligen Gastes auf dem Bildschirm einzublenden und so freundlich wie hartnäckig nachzufragen: „Damals haben Sie gesagt …“ Niemand kam mit einer einfachen Antwort davon.

Hillary Clintons Lager kann ihm nicht vergessen, wie er als Moderator einer Debatte der Präsidentschaftskandidaten mehrfach auf ihren Meinungswechsel zur nordamerikanischen Freihandelszone Nafta zurückkam. 1994 pries sie Nafta als Erfolg ihres Mannes Bill, 2008 war Nafta für sie die Ursache vieler Jobverluste in den USA. Barack Obama wählte „Meet the Press“ im Oktober 2007, um seine Kandidatur anzukündigen. Und Russerts Resümee der Vorwahlen am 6. Mai in North Carolina und Indiana, „Wir kennen jetzt den Kandidaten der Demokraten“, war das allgemein zitierte Urteil, dass Hillary Clinton das Rennen einen Monat vor dem offiziellen Ende verloren hatte. Am Freitag ist Russert mit 58 Jahren im Studio einem Herzinfarkt erlegen, bei der Vorbereitung von „Meet the press“ für den heutigen Sonntag. Christoph von Marschall

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben