NDR-„Tatort“ : Seltsamer Fall, seltsame Frau

Krimi oder Kammerspiel? Der NDR-„Tatort“ taucht mit Kommissar Borowski tief. Ob es sich lohnt, heute Abend einzuschalten, erfahren Sie in unserer Vorab-Kritik.

von
Bullauge, sei wachsam. Borowski (Axel Milberg) geht im Tauchboot auf den Grund. Foto: NDR
Bullauge, sei wachsam. Borowski (Axel Milberg) geht im Tauchboot auf den Grund. Foto: NDRFoto: NDR/Christine Schroeder

Nach den zuletzt teils überbordenden, teils verstörenden Folgen des „Tatort“, nach Til Schweiger einerseits und dem Kölner Duo andererseits, musste es einfach ruhiger zugehen. Nicht gleich zu Beginn, wo eine idyllische Unterwasserszene mit Meeresgetier überblendet wird in eine Unterwasserszene mit Mord durch Ertränken. Das ist denn aber auch schon das Höchstmaß an Action, das die diesmalige Folge des unverwüstlichen Sonntagabendkrimis zu bieten hat. Regisseurin Sabine Derflinger hat das Drehbuch von Christian Jeltsch – beide vielfach preisgekrönt – so ruhig inszeniert, wie es der politisch zeitgemäßen und leider allzu didaktisch angelegten Handlung angemessen ist.

Es geht um die Ausbeutung des Meeresbodens, um „Seltene Erden“, aber es könnte sich auch um Fangquoten und deren Überschreitung handeln. Denn eigentlich geht es weniger um die Sache, so penibel sie dem Publikum auch erklärt wird, als vielmehr um die Personen. Um ihre verwickelten Beziehungen. Um Lug und Trug und Betrug, um „Treue bis in den Tod“, wie es die Ehefrau der seltsam blassen Figur des Firmenmitarbeiters Jens Adam (Andreas Patton) als Sinnspruch im trauten Heim angebracht hat.

Und es geht um das nicht einfache Verhältnis von Kommissar Klaus Borowski, den Axel Milberg gewohnt nachdenklich gibt, und seiner Assistentin Sarah Brandt, die Sibel Kekilli einmal mehr als übereifrige Polizeischülerin vorführt statt als kompetente, im besten Sinne erwachsene Kollegin. Klar, dass Borowski alles besser weiß. Intuitiv merkt er sofort, wenn eine verdächtigte Person ihn anlügt, wo die Assistentin bereits ein lupenreines Geständnis hervorgelockt zu haben glaubt.

Karoline Eichhorn gibt der Figur ein durchweg glaubwürdiges Gesicht

Also, Jens Adam, der Mitarbeiter der weltweit tätigen Firma „Marex“, wird zu Anfang dieses „Tatorts“ mit dem schönen Titel „Borowski und das Meer“ ermordet, auf See oder, na ja, in der Kieler Bucht, wo das Partyschiff mit der fröhlichen Belegschaft seiner Firma herumschippert. Die Ehefrau wird in die Handlung eingeführt, und Borowski sagt nach der Begegnung nur, „Seltsamer Fall, seltsame Frau“. Es wird das Leitmotiv des Films.

Dann die nicht minder seltsame Afrikanerin Dr. Amali Saunders (Florence Kasumba), die beim Institut „Geomar“ wissenschaftlich tätig ist, und man ahnt, was sogleich deutlich wird: böse Firma, gute Wissenschaftler. Frau Saunders spricht in der Folge, wann immer sie auftritt, papierne Sätze, Greenpeace pur. Die Chefin der Firma „Marex“, Sylvana Vegener mit Namen (Karoline Eichhorn), ist so hartherzig und unsympathisch, wie man das von einer alleinstehenden Firmenchefin erwarten muss. Karoline Eichhorn gibt der Figur ein durchweg glaubwürdiges Gesicht – wäre da nur nicht das Drehbuch, das ihr bedeutungsschwere Sätze in den Mund legt wie „Ich muss nachdenken – ganz – in – Ruhe – nachdenken!“.

Es wird noch so mancher Einfall ins Bild gesetzt, ein helmvermummter Motorradfahrer beispielsweise, der das Ermittlerduo in eine Falle lockt, aus der sie anderentags unversehrt befreit werden, aber so findet zuerst einmal Sarah Brandts irgendwann erlittene Klaustrophie ihren Auslauf. Auf dem Revier darf die Assistentin mit dem gut gelaunten Staatsanwalt im neuseeländischen Wellington skypen, denn dort, auf der anderen Seite der Erdkugel, ist ein Mord passiert, jener, den der Zuschauer zu Beginn des Films serviert bekommt, und der als dramaturgisches Bindeglied figuriert, bis zum schnellen Ende.

„eine ganz eigene Lakonie“

Regisseurin Derflinger hat sich nicht recht entscheiden können, ob sie einen Krimi oder ein Kammerspiel inszenieren wollte. Einerseits „Tatort“, andererseits Beziehungskiste, dies übrigens nicht nur zwischen Borowski und Brandt, sondern auch zwischen Jens Adam und seiner zwischen Gattentreue und Verbitterung zerriebenen, von Nicolette Krebitz eindringlich verkörperten Ehefrau Marte. Und auch zwischen der verhärteten Firmenchefin und ihrem Pistolenmann Fred Pollack, den Aleksandar Tesla eher geflissentlich als bedrohlich ausstattet.

Die Regisseurin, so der Norddeutsche Rundfunk, der den Kieler „Tatort“ verantwortet, habe „zusammen mit ihrer Kamerafrau Christine A. Maier herausragende Bilder und eine ganz eigene Lakonie gefunden“. Na, ganz so lakonisch ist diese Folge nicht. Es wird ziemlich viel geredet, es muss ja auch viel erklärt werden, denn im Wortsinne „von selbst verständlich“ kann solch ein „Ökokrimi“ (NDR) nicht sein.

„Tatort: Borowski und das Meer“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben