Medien : Nein zum Nein-Sprech

Die Gewerkschaften wollen raus aus ihrer Medien-Defensive und rein in die Offensive

Klaus Wieking

Die Talkerin lässt nicht locker. Was er sich für seine Ära als Vorsitzender der IG Metall auf die Fahnen schreiben wolle, fragt Sandra Maischberger immer wieder. Jürgen Peters druckst herum, verirrt sich immer tiefer im Labyrinth seiner Argumente, kommt nicht auf den Punkt. Schließlich murmelt der designierte IG Metall-Vorsitzende etwas von der Neudefinition des Begriffs Arbeit – nicht eben eine Parole, hinter der man Tausende von Metallern versammeln kann. Der Auftritt von Peters in der Polit-Talkshow des Senders n-tv ist typisch für die Garde der Gewerkschaftsfunktionäre: Kaum einem gelingt es, in einer auf Polarisierung getrimmten Mediengesellschaft seine Argumente publikumswirksam zu verkaufen. Seit Jahren ist das gleiche Spiel zu beobachten. Unterstützt von Teilen der Politik (und professionellen PR-Arbeitern) setzt die Arbeitgeberseite Themen und lanciert Thesen, die stets im Ruf nach Reformen kulminieren – erst anschließend tauchen die Gewerkschaften auf und sagen Nein. Von eigenen Reformgedanken ist anschließend nichts mehr zu hören.

Beispiel Flächentarifvertrag: Die vielen Fälle, in denen die Gewerkschaften betriebliche Vereinbarung zur Rettung von Arbeitsplätzen getroffen haben, wurden der Öffentlichkeit entweder gar nicht oder PR-unwirksam verkauft.

Auch die tragende Rolle, die Jürgen Peters beim als zukunftsweisend geltenden Arbeitszeitmodell des Autokonzerns VW gespielt hat, ist der Öffentlichkeit faktisch unbekannt. Statt dessen klebt an dem IG Metall-Funktionär das Image des Hardliners. Inzwischen ist die Öffentlichkeit der Njet-Rhetorik einer Ursula Engelen-Kefer derart überdrüssig, dass sie den Gewerkschaften kaum noch zuhört und sie lieber als Betonköpfe und Strukturkonservative beschimpft. Den Öffentlichkeitsarbeitern der Arbeitnehmerseite ist dieses Dilemma durchaus bewusst. Während es die Arbeitgber geschafft hätten, „einfache Antworten billig zu verkaufen", hätten die Gewerkschaften ihre „Alternativen der Erneuerung" bisher nicht ausreichend dargestellt, analysiert DGB-Sprecher Hilmar Höhn. Bei den Antworten auf die Fragen nach der Umgestaltung von Arbeitswelt und Sozialstaat blieben immer nur die Neins übrig, sekundiert Udo Perina, Chef der gewerkschaftseigenen Verlagsgesellschaft Einblick.

Die defensive Kommunikationshaltung der Gewerkschaften resultiert hauptsächlich aus ihrem Selbstverständnis als wertgebundene Organisation. Groß geworden im Zeitalter der Industrialisierung und dem Denken dieser Ära verpflichtet, kommen die Gewerkschaften mit den Erfordernissen der Mediengesellschaft nur schwer klar. Begriffe wie „Individualisierung", „Entstaatlichung" oder „Eigenverantwortung", die gerade die junge Generation prägen, sind ihnen tief suspekt. So werden die Chancen für die eigene Lebensgestaltung, die etwa die Flexibilisierung der Arbeitszeiten bieten könne, von den Gewerkschaften zu wenig aufgegriffen, findet Hans Jürgen Arlt, ehemaliger DGB-Sprecher. Statt dessen werde viel zu schnell der Vorwurf des Neo-Liberalismus erhoben. Die Kommunikationsgesellschaft, resümiert Arlt, werde von den Gewerkschaftern vorzugsweise als „gefährliches Gebiet" begriffen.

Im angekündigten heißen Mai wollen die Gewerkschaften jetzt die Trotzecke verlassen und eigene Erneuerungsthesen kommunizieren. Der DGB etwa legt unter dem Slogan „Menschlich modernisieren und gerecht gestalten: Das machen wir." eine auf drei Jahre angelegte Kampagne auf. Die Hauptaufgabe sei, die Reformansätze der Gewerkschaften „offensiv nach vorne" zu bringen, erklärt Carsten Dannel von der Werbeagentur Berliner Botschaft. Der Ansatz des Protests ist allerdings abermals ein defensiver: DGB, Verdi und IG Metall wollen Teile der Agenda 2010 verhindern, mit der die Bundesregierung das Land modernisieren will.

Auch auf die im politischen Kampf übliche Zuspitzung des Vokabulars wollen sie sich nur bedingt einlassen. Komplexe Sachverhalte müssten auch komplex dargestellt werden, meint Werber Dannel. Neben PR-Offensiven mit Kampagnencharakter wollen die Arbeitnehmervertreter ihr Verhältnis zur Mediengesellschaft dauerhaft entkrampfen. „Wir müssen auf die Medien zugehen und Kommunikationsangebote machen", fordert Martin Kempe, Chefredakteur der Verdi-Zeitschrift „Publik“.

So sollen beispielsweise Journalisten zu Themen-Workshops eingeladen und die Modernisierung der gewerkschaftseigenen Medien vorangetrieben werden. Hoffnungsvolle Ansätze für letzteres gibt es bereits: die Zeitschrift „Publik“ (fünf Millionen Auflage) und das Monatsmagazin „Einblick“ (200 000 Auflage) sind keine Kampfschriften, sondern gut gemachte journalistische Produkte. Im Schwange ist in Gewerkschaftskreisen auch die Idee, nach dem Vorbild der Evangelischen Akademie in Tutzing eine Stiftung zu gründen, in der Gewerkschafter mit Opinion Leadern ins Gespräch kommen können.Wollen die Gewerkschafter dauerhaft ihr Beton-Image loswerden, müssen sie sich aber nicht nur nach außen öffnen, sondern sich auch inhaltlich bewegen.

Bisher seien die Gewerkschaften noch nicht in der Kommunikationsgesellschaft angekommen, meint „Einblick“-Chef Perina. Dabei bleibt das Hauptthema der Bewegung, die Neugestaltung der Arbeitswelt, brandaktuell. Gerade in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit.

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