Nerds : Verpeilt wird sexy

„Genialer Sonderling“ – so nannte man sie früher. Heute heißen sie „Nerds“ und erobern die Welt. Phänomenologie einer seltsamen Spezies von der Antike bis heute. Mit Selbsttest.

Jörg Zittlau
Blass, aber sehr konzentriert. Der beste Freund des Klischee-Nerds ist sein Computer.
Blass, aber sehr konzentriert. Der beste Freund des Klischee-Nerds ist sein Computer.Foto: picture-alliance/Picture Press/W

Der Begriff hört sich ziemlich unsexy an: „Nerd“, sprich: „Nöhrd“. Dennoch gibt es kaum einen anderen Begriff, der so nachhaltig die deutsche Sprache stürmt. Und es gibt auch kaum einen Menschenschlag, der aktuell für so viel Furore sorgt wie die Nerds. In Gestalt der Piraten haben sie nicht nur das erste deutsche Landesparlament geentert, sondern auch Alltag und Medien. Immer öfter sieht man Menschen, die ihre formschwachen Kapuzen-Pullis und Strubbelfrisuren ebenso selbstbewusst präsentieren wie ihre funktionsstarken Notebooks. Der Tod von Apple-Gründer Steve Jobs wird ähnlich stark betrauert wie der von Michael Jackson, man lacht gern über die verschraubten Nachwuchsphysiker in der TV-Serie „Big Bang Theory“ und wundert sich kaum noch, wenn Tagesschau-Sprecher Marc Bator mit übergroßer Nerd-Brille in die Kamera lächelt. Heute feiert die weltweit vernetzte Gemeinschaft der Nerds am 25. Mai alljährlich den „Geek-Pride-Day“ („Geek“ ist speziell in den USA ein gebräuchlicher Begriff für die Nerds), angelehnt an den Christopher-Street-Day der Schwulenbewegung. Begründet wurde der Gedenktag 2006 in Spanien. Das Credo: „Wir sind rettungslose Nerds – und wir sind stolz darauf.“ Nerd-Sein wird gesellschaftsfähig. Dabei wurde der Begriff noch vor zehn Jahren als Schimpfwort für trottelig- lebensuntüchtige Spinner verwendet.

Dass sich die Bedeutung des Begriffs rasch wandelt, ist nicht verwunderlich, liegt doch schon der Ursprung im Dunkeln. 1950 veröffentlichte der US-amerikanische Cartoonist Theodor Seuss Geisel zwar ein Buch, in dem er von seiner Reise die Fantasiegestalten „a Nerkle, a Nerd and a Seersucker“ für seinen imaginären Zoo mitbringen wollte. Aber inhaltlich füllte er das neue Wort nicht, dies machte erst ein Jahr später die Newsweek. Die amerikanische Zeitschrift verwendete den Begriff Nerd als Synonym für einen langweiligen Spießer, was aber seinem Wesen nach heutigem Verständnis nicht wirklich nahekommt.

Andere Ursprungstheorien besagen, dass Nerd ursprünglich „knurd“ geschrieben wurde, die Umkehrform von „drunk“ (betrunken). Der Begriff soll sich auf College-Studenten bezogen haben, die sich lieber ihren Studien widmeten, anstatt zu feiern. Später soll dann aus „knurd“ der phonetisch ähnliche Nerd geworden sein. Überzeugender klingt die Theorie, wonach der Begriff eine Abkürzung von Northern Electric Research and Development (heute Nortel Networks) gewesen sei. Die Angestellten des Unternehmens – man darf sie sich mit dicken Brillen und einem Phasenprüfer in der Brusttasche vorstellen – sollen demnach das Kürzel N.E.R.D auf ihren Monturen getragen haben, und im Laufe der Zeit sind die in technischer Hinsicht patenten Jungs eben geradezu sprichwörtlich geworden.

8 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben