Nerven-Zerrer : Heile böse Welt

Der deutsche Fernsehkrimi ist gut gespielt. Aber die großen Verbrechen und Konflikte bleiben außen vor.

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Hart und gut. Die dänische Fernsehserie „Kommissarin Lund – Das Verbrechen II“ mit Sofie Gråbøl und Mikael Birkkjær (rechts) als Ermittlern und Mads Wille als Militärarzt mischt persönliche und politische Verbrechen um den Militäreinsatz in Afghanistan. Foto: ZDF
Hart und gut. Die dänische Fernsehserie „Kommissarin Lund – Das Verbrechen II“ mit Sofie Gråbøl und Mikael Birkkjær (rechts) als...

Fabelhaft. Oder furchtbar. Sie gehen uns, so oder so, an die Nerven, auf die Nerven, denn Krimis gehören längst zum Fernsehalltag. Selbst an christlichsten Feiertagen. Aber die klassische Krimizeit ist der Freitagabend. Da schießen, hauen, stechen wir uns ein aufs Wochenende.

Vor dem kommenden Sonntag, der dem deutschen Fernsehen das Superjubiläum „40 Jahre ,Tatort’“ bringt, hat die ARD heute Abend ab 21 Uhr 45 schon ihre übliche „Tatort“-Wiederholung im Programm, diesmal aus Berlin („Tod einer Heuschrecke“ vom RBB). Das ZDF setzt zur Crime-Primetime um 20 Uhr 15 seinen „Kommissar Stolberg“ ein, gefolgt von der „Soko Leipzig“. Vox und Kabel Eins kontern das zur nämlichen Zeit mit fetzigen US-Krimiserien („CSI: NY“, „Castle“), und vorher und nachher sind auch auf Sat 1 „Kommissare im Einsatz“ und bei RTL geht’s um „Law & Order“.

Fernsehdeutschland ist auf den ersten Blick ein Paradies der tanzenden Leichen und triumphierenden Bullen und Bulletten. Vor allem gibt’s, wenn wir auf die einheimischen Krimis in den öffentlich-rechtlichen Sendern schauen, die noch immer die meisten Zuschauer haben, eine Menge sehr guter Schauspieler. Die Krugs, Georges und Mühes haben als einstige Matadore längst ihre mal kauzigen, mal knorrigen Nachfolger gefunden. Aber die Stoffe werden inzwischen spürbar dünner, die Storys schematisch.

Gemeinhin und serienübergreifend geht der deutsche Fernsehkrimi ungefähr so: Erst gibt’s eine irgendwie halbdunkle handgreifliche Auseinandersetzung, oft auch Schreie und Stöhnen, das heißt, Sexszenen passieren fast immer am Anfang. Damit die Leute dranbleiben (und zur Freude von Eltern mit halbwüchsigen Kindern). Schnitt, und schon ist da jemand tot, häufig im Freien und bevorzugt als Wasserleiche (in diesem Fall gerne auch in der Badewanne). Nun folgt der Dialog Kommissar(in) und Spurensicherung über Tatzeit und Tatwaffe, und schon landen wir in der Pathologie. Ist die Leiche weiblich und ansehnlich, dann liegt sie jetzt nackt auf dem Seziertisch.

So viel Pathologie muss sein, weil Gerichtsmediziner seit dem wunderbaren, allzu früh verstorbenen Ulrich Mühe in der ZDF-Serie „Der letzte Zeuge“ erst mal sein müssen. Aber sein müsste in der Pathologie des heutigen deutschen Fernsehkrimis eigentlich nur noch Jan Josef Liefers: als Sezier-Snob Professor Boerne mit seinen wunderbaren Kontrahenten und Assistenten Axel Prahl (Hauptkommissar Thiel) und Christine Urspruch (Fräulein Alberich). Alle anderen sind schlechte Kopien. Und wenn es nun von den Toten zu den Lebenden und den Tätern geht, dann dominiert im deutschen Krimi das Privat-Kleinteilige, das Drama in der Familie oder im Familienunternehmen, das konventionelle psychologische Strickmuster der Gekränkten, Eifersüchtigen, (früher) Missbrauchten – oder die Intrige in überschaubaren, oft ländlichen Gemeinschaften.

Selbst die (zumeist bösen) Reichen sind in deutschen Serien merkwürdigerweise immer so arm, dass es in ihren Villen praktisch nie Personal gibt. Sie sind, wenn die Kripo klingelt, immer zu Hause, öffnen den Ermittlern selber die Tür und leben so schlecht gesichert, dass nachts zum Swimmingpool oder Garten praktischerweise meist ein Fenster oder eine Hintertüre unverschlossen bleibt.

Das wären eher Kleinigkeiten. Was freilich im Großen fehlt, sind gesellschaftliche und politische Konflikte über einen einzelnen Ehrenmordfall, über eine politisch meist sehr korrekte Migrantenepisode oder eine finanziell transaktive Einzelheuschrecke hinaus.

Den Kontrast hierzu hatte man gerade sehen können: in Dominik Grafs Ausnahmeserie „Im Angesicht des Verbrechens“, von der sich die ARD durch die Programmplatzierung am Ende kleinmütig distanziert hat. Dort gab es die russische Mafia, wie auch schon mal in der ähnlich hart, körnig, schmutzig, vital gefilmten früheren ZDF-Serie „KDD“. Ansonsten aber erfährt man im deutschen Fernsehkrimi fast nichts von dem, was Autoren wie Roberto Saviano, Petra Reski und Jürgen Roth sowie einschlägige BKA-Berichte längst dokumentieren: Dass die Bundesrepublik zum neuen Dorado des organisierten Verbrechens geworden ist.

Man merkt auch nicht, dass es Kriege gibt in der Welt, mit deutschen Beteiligungen. Ganz anders die düster spannenden Skandinavien-Krimis, die bei uns meist erst gegen Mitternacht laufen. Vergangenes Wochenende war da im ZDF das Finale der jüngsten Staffel der dänischen „Kommissarin Lund“ zu sehen. Es ging um ein vertuschtes Massaker in Afghanistan, um kriminelle Militärs, um die dänische Regierung und ihren (fiktiven) Ministerpräsidenten. Gar nicht auszudenken, wenn mit ähnlichem Freimut und (natürlich fiktiven) Scharfsinn eine deutsche Serie im Kanzleramt, im Verteidigungsministerium, in der Bundeswehr und den Geheimdiensten spielen würde.

Aber davor haben die Öffentlich-Rechtlichen mit ihren politischen Gremienverfilzungen wohl Schiss. Kommissarin Prohacek alias Senta Berger darf sich im ZDF „Unter Verdacht“ allenfalls mal bis zur bajuwarischen Staatssekretärsebene ein bisschen an der regionalen Spezlwirtschaft reiben. Da geht’s, wie im Münchner „Tatort“, auch mal etwas bodenständig zu, während, apropos regional, bei der „Soko Leipzig“ nie jemand sächsisch spricht. Weil das offenbar als quotendimmend bei den Westdeutschen gilt.

Ja, der deutsche TV-Krimi ist überwiegend furchtbar clean. Raucherfinger, schmutzige Nägel hat hier allenfalls ein Straßenpenner. Und eine so verstörende, melancholisch herbe Kommissarin Lund agiert Lichtjahre entfernt von den knackigen deutschen Großmüttern, die mit ihren Kunstnamen Bella Block oder Rosa Roth die deutschen Wohnzimmer doch schon ziemlich lange unterhalten haben.

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