Medien : „Netzeitung“ wird norwegisch

Die neuen Besitzer wollen auf dem deutschen Medienmarkt Fuß fassen. Zugang soll kostenfrei bleiben

Markus Ehrenberg,Joachim Huber

Die „Netzeitung“ wechselt wieder den Besitzer. Der norwegische Medienkonzern Orkla Media kauft das nur im Internet erscheinende Nachrichten-Portal zu 100 Prozent, teilte das Unternehmen am Donnerstag in Berlin mit. Die Verträge seien bereits unterzeichnet. Über den Kaufpreis sei Stillschweigen vereinbart worden, hieß es. Der bisherige Miteigentümer und Chefredakteur Michael Maier wird demnach der „Netzeitung“ weiter zur Verfügung stehen und zusätzlich die Aktivitäten von Orkla Media Deutschland leiten.

Die „Netzeitung“ kehrt damit wieder in norwegischen Besitz zurück, nachdem die Online-Zeitung im Jahr 2000 von norwegischen Internet-Unternehmern gegründet worden war, die an den Erfolg der Osloer Internetzeitung „Nettavisen“ anknüpfen wollten.

Die damalige Muttergesellschaft Spray wurde aber fast zeitgleich vom Internetunternehmen Lycos Europe gekauft. Im Sommer 2002 wurde die „Netzeitung“ an den ebenfalls zum Bertelsmann-Konzern gehörenden Fachverlag BertelsmannSpringer verkauft.

Am 1. März übernahm dann der aus Österreich stammende Gründungs-Chefredakteur Michael Maier (früher Chefredakteur der „Berliner Zeitung“ und des „Stern“) zusammen mit dem Medienunternehmer Ralf-Dieter Brunowsky die Eigentümerschaft. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben die Gewinnschwelle erreicht (Geschäftszahlen wurden nie publiziert) und ist auch in der Nachrichtensyndikation, sprich dem Verkauf eigener Artikel, erfolgreich. Zudem produziert die Redaktion seit einiger Zeit Radionachrichten.

Für die Leser der „Netzeitung“ werde sich mit dem Neukauf zunächst nichts ändern, so Chefredakteur Maier zum Tagesspiegel. An eine Veränderung der Mitarbeiterzahl – circa 50 – sei nicht gedacht. „Es bleibt alles beim Alten, das heißt, beim Guten. Ein schlechtes Produkt wäre ja von den Norwegern auch gar nicht gekauft worden.“ Zur Frage „kostenpflichtiger Content/Gebühren für Website-Nutzung“, mit der sich die lange Zeit defizitäre „Netzeitung“ schon herumgeschlagen hat, sagt Maier klar: „ Wir denken jetzt nicht daran, kostenpflichtig zu werden.“

Das wäre wohl auch nicht so klug. Den für Maier weiterhin „schärfsten Konkurrent“, „Spiegel Online“, gibt es ebenfalls kostenlos im Internet, abgesehen von einem Bezahlsystem, mit dem man vorab gedruckte „Spiegel“-Print-Artikel in voller Länge online lesen kann. Ob die neuen Eigentümer der „Netzeitung“ ebenfalls vorhaben, im Print-Bereich Fuß zu fassen, lässt Maier offen. „Wir werden schauen, wo man Wachstum erreichen kann, fragen, wo nutzen Akquisitionen? Unser erster Focus gilt dem Internet. Wir werden uns aber auch alle anderen Möglichkeiten anschauen.“

Einiges spricht für diese anderen Möglichkeiten. Immerhin ist Orkla Media Mehrheitseigentümer von 31 Regionalzeitungen und mehreren Websites in Norwegen. Der Geschäftsführer des Medienkonzerns, Björn Wiggen, erklärte, die „Netzeitung“ habe bewiesen, dass im Internet-Zeitalter moderner Journalismus auch wirtschaftlich erfolgreich sein könne. Man betrachte Deutschland als einen „sehr interessanten Medienmarkt mit großen Potenzialen, vor allem im Online-Bereich“. Orkla Media hat im Geschäftsjahr 2004 einen Umsatz von einer Milliarde Euro und einen Gewinn von knapp 50 Millionen Euro erwirtschaftet. In Dänemark verlegt das Haus über 60 Zeitungen, unter anderem die angesehene Kopenhagener Zeitung „Berlingske Tidende“. In Polen hält Orkla Press mehr als 20 Prozent des Marktanteils im Tageszeitungsgeschäft. Flaggschiff ist die renommierte „Rzeczpospolita“ in Warschau.

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