Medien : Netzers Genitiv bleibt

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DAS SPIEL IST AUS!

Was bleibt von dieser Weltmeisterschaft? Eine statthafte Frage nach historischen Momenten. Was ist etwa von der DDR geblieben? Mindestens das: der angelsächselnde Genitiv in „Krüger’s Brotcenter“. Wenn es in den fünf neuen Ländern an etwas nicht fehlt, dann sind es Apostrophe, es wimmelt von diesen Trennhäkchen. In „Gabi’s City Treff“ schäumt das Flaschenbier und in „Rico’s Futterkrippe“ kokelt die Bratwurst. Das ZK der SED hatte eher eine Art verklebten Genitiv („…den Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates…“) gepflegt. In der wunderbaren (und leider von Mathias Döpfner und Jürgen Busche ruinierten) Zeitung „Wochenpost“ ist vor Jahren einmal die Vermutung geäußert worden, dieser „unverdauliche Quast“ habe zu einer „Genitiv-Übersättigung und -Allergie“ und damit einem beschleunigten Ende der DDR geführt.

Was bleibt? Es bleibt die reizende Formulierung von Benjamin Henrichs in der „SZ“, Heribert Faßbenders „fanatisch temperamentlose Kommentare“ steuerten schnurstracks in die „Veronkelung der Fußballreportage“. Es bleibt der lakonische Ton, in dem Marcel Reif immer wieder das Wort „Ziege“ ausgesprochen hat. Ziege, Ziege … ist nun für ewig das Synonym für schandhaft pomadiges Gekicke. Und dann bleibt auch noch Günter Netzers Liebe zum verzopften Genitiv. Die Parade des Kahns. Der Kopfball des Janckers. Falsch ist das nicht. Es war nur vor etwa 200 Jahren gebräuchlich, aber bitte, Netzer hat ja auch eine eher altmodische Frisur. Und so lebt in Netzer die sprachökonomisch unsinnige Doppelmarkierung, einmal mit dem Artikel „des“, einmal mit dem klassisch angehängten „s“. Zum Abschluss der WM bekommt Netzer deshalb als Geschenk eine kleine Präpositionalkonstruktion, die den Genitiv ausdrückt: Die Parade von Kahn.

Das war’s, bis zum nächsten Länderspiel der Deutschen und dann wieder: Dem Genitiv des Netzer’s. Norbert Thomma

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