Netzgeld : Eine Währung für Millionen

Die Welt hat jetzt die „Bitcoin“, die erste virtuelle Münze. Jeder kann Bitcoins herstellen, kein Staat kontrolliert sie. Befürworter feiern sie als Gegenmodell zur Bank, Kritiker warnen vor einem Boom am Schwarzmarkt.

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Echte Werte - virtuelle Werte. Bitcoin ist beides.
Echte Werte - virtuelle Werte. Bitcoin ist beides.Foto: dpa

Bar bezahlen im Netz? Für viele ein Traum. Münzen sind vergleichsweise fälschungssicher. Anders als Überweisungen können sie nicht zurückverfolgt werden. Es gibt keine Margen für Kreditkartenunternehmen oder Onlinebezahldienste wie PayPal, und man müsste keine Angst davor haben, dass sensible Daten in falsche Hände geraten. Ein Traum? Es gibt sie, die virtuelle Münze. Ihr Name: „Bitcoin“. Und sie ist mehr als nur ein Bezahlsystem. Bitcoins sind eine Währung. Die erste, die nicht von einer Zentralbank ausgegeben wird.

Bitcoins sind Hackergeld. Mitglieder der Open-Source-Bewegung haben es gezeugt. Die virtuelle Währung wird nicht gedruckt, sondern von Computern errechnet. Eigenschaften einer Währung hat Bitcoin deshalb, weil die Geldmenge ebenso wie bei Euro und Dollar begrenzt ist. Eine Regel in der Software, die das Geld generiert, setzt ein Limit von 21 Millionen. Die Software ist so ausgelegt, dass sich die Produktion über die Laufzeit verlangsamt, die bis zum Jahr 2033 andauern könne. Derzeit gibt es gut sechs Millionen Bitcoins.

Eine Bitcoin lag zwischenzeitlich bei etwa 20 Dollar

Monatelang waren Bitcoins nur ein Thema für Geeks und Nerds. Doch das Interesse am virtuellen Geld wächst. Inzwischen gibt es Hunderte Blogs, Ratgeber und Tauschbörsen. Handelsplattformen wie Mt. Gox tauschen das Netzgeld zu täglich wechselnden Kursen in Euro oder Dollar um. Ende April bekamen Käufer für einen US-Dollar noch 0,8 Bitcoins. Mittlerweile liegt die Rate bei um die 20 Dollar (siehe Grafik). Spekulanten, die zu Beginn auf die neue Währung setzten, strichen hohe Gewinne ein. „Wenn man davon ausgeht, dass das Konzept stimmt und die Nutzer dieser Währung langfristig vertrauen, dann könnte sich eine akzeptierte Parallelwährung etablieren“, sagte Wim Kösters, Währungsexperte und Professor für Volkswirtschaft an der Uni Bochum.

Das Konzept des Hackergeldes ist komplex. Der gängigste Weg, um mit Bitcoins zu zahlen, läuft über eine Software, die von der Homepage der Bitcoin-Community heruntergeladen werden kann. Das Geld wird nicht zentral erzeugt, sondern auf den Computern der Nutzer. Transferiert wird es über eine kurze und einzigartige Zahlen- und Buchstabenfolge per Mail. Jede Übertragung von einem Besitzer zum nächsten erweitert den Verschlüsselungscode der einzelnen „Münze“, der immer länger wird. Am Netzwerk beteiligte Computer, die sogenannten „Miner – Bergleute“ überprüfen die Transaktionen auf Ungereimtheiten. Ist eine Überweisung auffällig, wird sie gestoppt. Auf diese Weise soll sichergestellt werden, dass das Bargeld im Netz nicht gefälscht oder kopiert werden kann.

Das Hackergeld wird am Computer hergestellt - es besteht aus mathematischen Codes

Ein Japaner mit dem Pseudonym Satoshi Nakamoto soll 2009 in einem Artikel die mathematisch-technischen Grundlagen für das System gelegt haben. Nutzer der Open-Source-Gemeinschaft sollen daraufhin das Konzept umgesetzt haben – zehntausende Freiwillige, die sich in einem weltumspannenden Netzwerk mit ihren Heimcomputern zusammengeschlossen haben, um die neue Währung zu errechnen. Denn für die „Produktion“ der mathematischen Codes, die das Hackergeld letztlich sind, ist viel Rechenleistung nötig. Auf einem handelsüblichen Rechner würde die Generierung von 50 Bitcoins etwa ein Jahr dauern.

Mit Bitcoins können reale Geldgeschäfte gemacht werden. Jeder, dessen Computer sich an der Produktion neuen Geldes beteiligt, darf das Geld behalten, das er errechnet. Mit einem normalen PC lassen sich zwar keine großen Gewinne machen. Doch können inzwischen eigens konstruierte Computer (Mining Rigs) im Internet gekauft oder gemietet werden. Weitere Wege an Bitcoins zu kommen, sind, sie an einer Bitcoin-Börse gegen herkömmliche Währungen zu tauschen oder sie zu verdienen.

Wenn das System abstürzt, ist das Geld weg

Die neue Währung bringt auch Nachteile mit sich: Beispielsweise können Zahlungen mit Bitcoins nicht rückgängig gemacht werden. Werden die Bitcoins auf der lokalen Festplatte gelagert und tritt ein Systemfehler auf, kann das Geld weg sein – ebenso, wenn der Rechner geklaut wird. Kräftig am Image kratzte im Juni ein Hackerangriff auf die Bitcoins-Tauschbörse Mt. Gox. Offenbar konnten die Hacker die zentrale Datenbank des Geldwechslers entwenden. Mindestens ein Besucherkonto soll dabei entschlüsselt worden sein. „Das hat das Vertrauen der User erheblich erschüttert. Wenn es möglich ist, Bitcoins zu stehlen, dann muss man sich die Frage stellen, ob die Anonymität und Sicherheit wirklich gewährleistet sind“, sagte Kösters. In der Szene wird vermutet, dass Internetkriminelle beim Auf und Ab des Kurses einen guten Schnitt gemacht haben könnten.

Kritiker befürchten auch, Bitcoins könnten, eben weil sie nicht zurückverfolgt werden können, kriminelle Machenschaften befeuern. Die virtuelle Währung hat im Sturm Schattenmarktplätze wie den „Silk Road Anonymous Marketplace“ im Netz erobert. Dort kann man unter anderem Drogen kaufen. Auch Hackergruppen haben in den vergangenen Monaten große Spenden in Bitcoin-Währung entgegengenommen. Darunter LulSec, die in den vergangenen Wochen durch eine Serie spektakulärer Hackerangriffe auf Sony oder die CIA bekannt geworden waren.

Der Wettbewerb der Währungen hat vorteile, sagt ein Volkswirt

Als „das gefährlichste Projekt, das wir je gesehen haben“, bezeichnete im Mai der Journalist und Gründer von Weblogs Inc., Jason Calacanis, die Bitcoins, weil sie Wirtschaftssysteme destabilisieren und unkontrollierte globale Märkte für gestohlene Waren erschaffen könnten. Aktuell fordern in Washington die Senatoren Charles Schumer und Joe Manchin die Schließung von Webseiten wie „Silk Road“ und bezeichnen Bitcoins als eine versteckte Form der Geldwäsche. In Deutschland hatte der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) bereits im Juni vor dem Gebrauch von Bitcoins abgeraten. Auch private Unternehmen wie PayPal sehen den Aufschwung des Bitcoin-Markts nicht gerne, weil sie daran nichts verdienen können und ihre eigenen Bezahlsysteme in Gefahr sehen. Deshalb wird im Netz derzeit darüber spekuliert, ob die neue Währung auf lange Sicht verboten wird. Das hieße allerdings, dass man verhindern müsste, dass das Internetgeld weiter zirkuliert. „Ob das klappt, ist die große Frage. Denn wenn die Nutzer wirklich nicht zurückverfolgt werden können, wird es auch schwer sein, diese Transaktionen einzustellen“, sagte Volkswirt Kösters. Was er selbst von Bitcoins hält? Kösters erinnert an die Idee des Nobelpreisträgers Friedrich August von Hyak, der in den 70er Jahren vorschlug, Wettbewerb zwischen Währungen zuzulassen, um damit das Monopol der Zentralbank auszuhebeln. „Im Prinzip ist es gut, dass Währungswettbewerb entsteht. Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass Bitcoins den Dollar oder Euro vollkommen ersetzen können."

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