Netzkolumne : Kreativer ohne Smartphone

Unsere Autorin ist freie Journalistin und auf digitale Kultur bestimmt. Ein Smartphone hat sie trotzdem nicht. Das öffnet kreativen Gedanken erst den Weg, stellt sie fest.

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Astrid Herbold ist freie Journalistin. Sie schreibt vor allem über digitale Kultur, Netzpolitik und Netzphänomene.
Astrid Herbold ist freie Journalistin. Sie schreibt vor allem über digitale Kultur, Netzpolitik und Netzphänomene.Foto: Thilo Rückeis

Ich habe immer noch kein Smartphone. Unterwegs kann ich keine E-Mails lesen, meine Kontakte sind nirgendwo synchronisiert, meine Dateien schon gar nicht. Beruflich ist das ein Problem, ich bin ja eine wahnsinnig viel beschäftigte freie Journalistin, eigentlich müsste ich natürlich ständig überall mit allen kommunizieren und erreichbar sein und überhaupt.

Aber bis jetzt überwiegt der Trotz. Man könnte es meine kleine digitale Verweigerung nennen. Dahinter steckt nicht mal kulturpessimistischer Hochmut gegenüber den zahlreichen Mitmenschen, denen ihre kleinen Lieblinge an den Handinnenflächen angewachsen sind. Es ist auch keine Technikangst oder Fortschrittsphobie. Es ist eher eine Bildschirmpause, die ich mir selbst zwangsverordnet habe. Denn sobald ich ein Smartphone hätte, würde auch ich vermutlich die ganze Zeit daran herumspielen. Der Sog ist einfach zu stark: kurz noch mal hier was schauen, da was anklicken, dort was zurückschreiben.

So aber sitze ich in Wartezimmern und auf Flughäfen, in ICEs, in Cafés oder Bars und tue – nichts. Ich gucke in der Gegend herum und beobachte die anderen dabei, wie sie scrollen und tippen. Augenkontakt? Ein stilles Lächeln unter Fremden? Macht man ja heute nicht. Oft fühle ich mich gelangweilt, aber dann auf einmal auch ganz leicht. Frei, unbeschwert. Abgeschnitten von den Datenströmen. Zurückgeworfen auf die eigenen Sinne.

Und siehe da, auf einmal kommen Gedanken. Ideen. Pläne, Assoziationsketten formen sich. Dinge werden klarer, Dinge, die man tun oder lassen will. Wenn man jetzt ein iPad hätte, könnte man das alles schnell notieren. Besitze ich aber natürlich auch nicht.

Der Preis für meine kreativen Freiräume: Mein beruflicher Alltag ist ungleich komplizierter als der meiner dauervernetzten Kollegen. Wenn ich unterwegs bin, bin ich auf mich allein gestellt. Statt bequem den Anweisungen des Routenplaners zu folgen, muss ich mich an Straßenschildern orientieren. Termine kann ich nicht kurzfristig verschieben. Taxis in fremden Städten rufen, tja, da muss ich wohl erst zur Auskunft.

Aber, was soll ich sagen: Noch bin ich überall hin- und von überall wieder zurückgekommen. Nicht immer verlief alles nach Plan. Aber immer habe ich alle getroffen, die ich treffen wollte. Und manchmal sogar noch ein paar mehr.

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