Netzkolumne : Twitter macht die Schleusen dicht

Sie waren eines der großen Versprechen des Web 2.0.: Über offene Schnittstellen für Programmierer sollten neue Internetdienste für externe Entwickler geöffnet werden. Man versprach sich kreative Ergänzungen aus der Community. Jetzt werden die Schnittstellen nach und nach dicht gemacht - zum Beispiel bei Twitter.

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Will die anderen nicht mehr mitfliegen lassen: Twitter.
Will die anderen nicht mehr mitfliegen lassen: Twitter.Foto: p-a

Einst waren sie Teil des umfangreichen Versprechens, das „Web 2.0“ genannt wurde: Die APIs. Das Kürzel steht für „Application Programming Interface“, zu Deutsch: „Schnittstelle zur Anwendungsprogrammierung.“ APIs lassen es zu, dass Programmierer „von außen“ auf bestimmte Funktionen einer Software zugreifen können. Durch eine API gestatten Online-Unternehmen die teilweise Nutzung ihrer Produktes durch Dritte, ein bewusster Kontrollverlust, der in einigen technologischen Bereichen nicht nur zum guten Ton gehört, sondern den Unternehmen auch hilft. Dritte entdecken Fehler im System und jede zusätzliche Anwendung, die auf einem bestehenden Produkt basiert, sorgt für neue Nutzerinnen und Nutzer.

Johnny Haeusler, Blogger, Republica-Mitveranstalter, Co-Autor von "Netzgemüse".
Johnny Haeusler, Blogger, Republica-Mitveranstalter, Co-Autor von "Netzgemüse".Foto: Jim Rakete

Vorbei schienen die Zeiten der abgeschlossenen Systeme. Die neue Offenheit der Kommunikationskanäle, die Wissenswasser für alle garantieren sollte, führte uns geradewegs in die „Shareconomy“, die geteilte Ökonomie, die auch auf der diesjährigen Cebit gefeiert wird. Dabei wird an einigen Stellen schon wieder der Rückwärtsgang eingelegt.

Der Web-Dienst Twitter genoss durch seine relativ umfangreiche API das Ansehen jener Programmierer, die eigene Twitter-Erweiterungen erstellten. Die ersten „Twitterwalls“ auf Konferenzen basierten auf Ideen von solchen Entwicklern, und auch die zahlreichen Twitter-Client-Programme von Drittanbietern, die in Nutzbarkeit und Funktionsumfang nicht selten die Twitter-Software übertrafen, hätten ohne API nicht existieren können.

Twitter selbst schaute bei dem Treiben der fremden Programmierer aufmerksam zu und ab, erweiterte die eigene Software um besonders schlaue Ideen der anderen Unternehmen oder kaufte sie – wie im Fall von „Tweetdeck“ vor zwei Jahren – einfach auf. Zwischen 40 und 50 Millionen Dollar sollen damals geflossen sein, umso erstaunlicher also, dass Twitter die Tweetdeck-Version für Smartphones nun vom Markt nehmen wird und auch die Twitter-API selbst immer weiter schließt.

Denn Twitter möchte den Kontrollverlust, der einst zum Erfolg geführt hat, reversieren. Kein Wunder: Einnahmen durch Werbenachrichten, die Twitter beim angeblich bevorstehenden Börsengang hübsch aussehen lassen sollen, finden nur in den eigenen Programmen des Unternehmens statt, werbefreie Konkurrenz kann daher nicht mehr geduldet werden. Der Zorn der Twitter-Nutzer und -Entwickler ist als Reaktion auf dieses Vorgehen verständlich, zeigt aber nur erneut: Wer die Kanäle kontrolliert, kontrolliert auch den Fluss des Wassers.

Der Autor ist Veranstalter der Konferenz „re:publica“ und Koautor des Elternratgebers „Netzgemüse – Aufzucht und Pflege der Generation Internet“.

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