Netzwerk Recherche : Journalisten vergeben Kritik-Preis an Bahn-Chef

Die Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche (nr) hat ihren Kritik-Preis "Verschlossene Auster" in diesem Jahr an Bahn-Chef Hartmut Mehdorn vergeben. Den Preis vergeben die Journalisten für problematische Informationspolitik.

Hamburg - Er erhalte den Preis unter anderem dafür, Drehgenehmigungen restriktiv zu erteilen und bei heiklen Themen keine Stellung vor Kameras zu beziehen, teilte das Netzwerk bei seiner Jahrestagung mit. "Im Punkt offene Informationspolitik befindet sich die Deutsche Bahn noch auf dem Abstellgleis", sagte der nr-Vorsitzende Thomas Leif.

Mehdorn, der die kurzfristige Einladung kritisierte und selbst nicht anwesend war, teilte mit, dass er sich "wahrlich nicht vor Mikrofonen und Kameras" verstecke. Er verwies auf insgesamt rund 4600 herausgegebene Pressemitteilungen, Themendienste und Hintergrundinformationen der Bahn in den vergangenen zwölf Monaten sowie rund 500 Veranstaltungen von Pressekonferenzen über Interviews bis Medienworkshops. "Rund 1800 Drehgenehmigungen sprechen nun wirklich nicht dafür, dass wir unser Anlagen und Einrichtungen abschotten."

Gleichzeitig kritisierte der Bahn-Chef Praktiken des Berufsstandes, von dem sich rund 600 Teilnehmer in Hamburg versammelt hatten. "Ich registriere mit einer gewissen Wehmut, dass der gute alte Journalismus in Deutschland, der auf fundierte und seriöse Recherche setzt, leider immer weniger wird", konstatierte Mehdorn. Offenbar zähle dafür Effekthascherei, die schnelle, oftmals wenig tiefgründige Geschichte, die eher Aufmerksamkeit als Aufklärung bieten wolle, meinte der Vorstandsvorsitzende.

Auch Journalisten werden kritisiert

Mit einer kritischen Analyse des deutschen Journalismus wartete auch der Schweizer Chefpublizist des Ringier-Verlags, Frank A. Meyer, auf. Er zeigte sich unter anderem befremdet über das Klagelied über die "medial so unergiebige große Koalition" in Berlin. "Die deutschen Medien betrachten sich offenbar als eigenständige Macht, noch vor dem Volk bestimmend für die Politik, insbesondere die Regierungspolitik." Erschreckt habe ihn im vergangenen Bundestagswahlkampf die Entschlossenheit aller bedeutenden Medien, die damalige Regierung abzuwählen, sagte Meyer.

Für ihn sind die Medien neben der Finanzwirtschaft die einzige Branche, die vollständig globalisiert ist. "Die Medien haben ihr Netz über den Erdball geworfen. ... Sie sind ominpräsent." Für den Konsumenten, wie heute der Leser, Zuhörer und Zuschauer genannt werde, wirke diese Omnipräsenz wie Omnipotenz. Bezogen auf die "medial total vernetzte Weltgesellschaft" warf Mayer die Frage auf: "Hat nicht das totale mediale Erfassen von allem und jedem, das totale Entblößen von allem und jedem, das totale Beschwatzen von allem und jedem - hat das nicht etwas Totalitäres?" Unter Verweis auf die großen, publizistisch miteinander streitenden Journalisten und Verleger wie Rudolf Augstein, Henri Nannen und Axel Springer warb Meyer für mehr gegenseitige Kritik in den Blättern und plädierte für journalistischen Pluralismus.

Unter dem Motto "Mehr Qualität durch Recherche - Von der Kür zur Pflicht" befassten sich die Teilnehmer der Jahrestagung in Podiumsdiskussionen und Workshops mit den Herausforderungen ihrer Zunft. Zur Diskussion stand auch der nr-Medienkodex, mit dem das Netzwerk angesichts neuer Technologien und zunehmendem ökonomischem Druck in den Medien die Qualität und Unabhängigkeit des Journalismus wahren will. (tso/dpa)

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