Neu gestaltet : Frankfurter Rundschau: Das neue Format im Test

Die „Frankfurter Rundschau“ erscheint seit kurzem in einem kleineren Format. Der Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck, ist ein alter Abonnent und hat sie für uns gelesen. Seine Meinung: Ungewohnt, handlich und zu seiner Beruhigung so links wie immer.

Zunächst ganz praktisch: Wer wie ich meist Zeitung lesend in öffentlichen Verkehrsmitteln viel Zeit verbringt, für den ist das neue Format der „Frankfurter Rundschau“ ein ausgesprochener Gewinn. Vorbei die Zeiten, in denen man sich beim Nachbarn fürs Umblättern entschuldigen musste. Dennoch schafft für einen Abonnenten, der seine Zeitung über mehr als drei Jahrzehnte durch alle Höhen und Tiefen begleitet hat, auch das Format Gewohnheiten, von denen man nicht so leicht Abschied nimmt.

Es ist ein Erfolg, wenn uns die „FR“ als überregionale Zeitung erhalten bleibt. Mein erster Eindruck: Das Risiko hat sich gelohnt. Versprochen wurde uns: „weniger wird mehr“ – ein halbes nordisches Format werde nicht die Texte halbieren, Analysen und Hintergründe würden nicht geopfert. Erste Stichproben zerstreuen meine am Leben und an Werbesprüchen geschulte Skepsis. Das „Weniger“ beginnt auf Seite Eins: Zur Schlagzeile „Zu Gast bei Gegnern“ eine Rating-Grafik zum G-8-Gipfel. Angela Merkel kontra George Bush. Die G-8-Skepsis zieht sich durch das Blatt – das „Thema des Tages“ ist dem Sicherheitsaufwand und dem Hamburger Vorspiel gewidmet, der Leitartikel „Heiligendamm – wozu?“ empfiehlt kostensparende, zaunlose Videokonferenzen. Eine Meinung, die ich teile. Nach dem ersten Umblättern: Alfred Neven DuMonts Bekenntnis zu seinem Engagement für die „FR“. Das schnelle Überfliegen von 56 Seiten will noch gelernt sein. Bisher auf Seite 3 und 4 spezialisiert, ist das Lesen des Politikteils noch etwas ungewohnt. Nach einem Dutzend Seiten gibt die „Meinung“ mit Porträt, Analyse, Leitartikel, Gast-Kolumne und Kurzkommentaren Orientierungshilfe. Gut so. Die Karikatur wurde nicht geopfert – das ist eine Erwähnung wert. Nach „Wissen und Bildung“ folgt mit der „Dokumentation“ eine gute, weil archivierbare FR-Tradition. Nach den Börsenzahlen kann man sich auf der „Panorama“-Doppelseite“ in der Mitte des Blattes auch optisch entspannen.

Hier hat die große Reportage oder die anspruchsvolle Fotopräsentation ihren Platz – ein Luxus, den eben nur die Zeitung und kein „Onlineblatt“ bieten kann.Den Sport übergehe ich und lande beim mir wichtigen Feuilleton. Aktueller geht es nicht: Carlos Fuentes Vortrag über die Globalisierung aus lateinamerikanischer Perspektive, den er am Freitag in der Berliner Akademie der Künste halten wird. Gut, aber mir zu wenig: nur eine Medienseite. Siegfried Weischenbergs Analyse des Zeitungslesers von morgen, seine Sorge um den Fortbestand des Qualitätsjournalismus sind der lesenswerte Beweis, dass hier echter Informations- und Reflexionsbedarf besteht. Insgesamt fällt an dieser ersten neuen „Rundschau“ auf, dass Wichtiges noch dreimal wichtiger wird, wenn es eine eigene Seite erhält. Mein Glück: Die erste Ausgabe im neuen Layout bestätigt meine Befürchtungen nicht, mit dem Format könnten auch die Inhalte schrumpfen. Die Übersichtlichkeit ist geblieben. Die räumliche Konzentration tut den Inhalten keinen Abbruch. Auch im neuen Format ist die Rundschau ihrem linksliberalen Credo treu geblieben. Das zählt für mich. Glückwunsch zum Neustart.

Klaus Staeck ist Präsident der Akademie der Künste

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