Neu im TV : Fernsehen mit Biss

In Deutschland geht der erste Free-TV-Sender für Schwule an den Start: "Timm" soll unter der Woche von 17 bis 1 Uhr ausgestrahlt werden und die besonders zahlungskräftige Zielgruppe der männlichen Homosexuellen ansprechen.

Markus Ehrenberg

1990 gab es eine Szene im deutschen Fernsehen, die das Land beinahe mehr in Aufruhr versetzte als die Fußball-Weltmeisterschaft. In der ARD-Familienserie „Lindenstraße“ küssten sich die Protagonisten Carsten Flöter und Robert Engel. Ein Aufschrei der Empörung ging durch die Boulevardpresse, vor allem durchs konservative Bayern. Die Schauspieler Georg Uecker und Martin Armknecht erhielten Morddrohungen. Das bayerische Fernsehen strahlte die Wiederholung der Folge nicht aus. So gesehen müsste sich Frank Lukas eigentlich hüten, Geschäfte in Deutschland oder im Freistaat zu machen. Lukas ist Geschäftsführer und Programmdirektor von Timm, dem ersten deutschen Free-TV-Sender für Schwule. Er sagt: „Die Zeiten haben sich Gott sei Dank geändert.“ Mittlerweile sei ein Fernsehsender wie Timm als so normal anzusehen, dass das Wort „schwul“ in einem Programm für Schwule fast gar nicht mehr explizit vorkommen müsse.

Am 1. November soll Timm nun nach Monaten der Verzögerung an den Start gehen. Als Vollprogramm, mit einem Mix aus Serien, Spielfilmen, Reportagen, Dokumentationen, aber auch Nachrichten samt kleinem Korrespondentennetz, womit sich andere Sendergründungen, neue Nischenkanäle der vergangenen Jahre wie der Männersender Dmax oder Das Vierte gar nicht erst herumschlagen.

"Ein Programm aus der Zielgruppe für die Zielgruppe"

Die digitale Hürde steht Timm dabei aber noch im Weg. Geschätzt 3,6 Millionen schwule Männer leben in Deutschland. Rund die Hälfte davon sollen Timm digital über Kabel (Kabel Deutschland, Kabel BW und NetCologne) und Satellit (Astra digital) empfangen können. Im Internet gibt es das Programm als Livestream.

Vorurteile hin, Klischees her – die meisten Schwulen werden mit den Biker- und Tattoo-Reportagen beim Männersender Dmax nicht allzu viel anzufangen gewusst haben. Fernsehen für homosexuelle Männer sehe dann doch eher anders aus, so Frank Lukas. „Ein Programm aus der Zielgruppe für die Zielgruppe.“ Geplant sind bei Timm Thementage wie der „scharfe Montag“ mit zielgruppenkompatiblen Serien à la „Queer as Folk“ oder „The L Word“, der „charmante Dienstag“ (alles rund um Liebe, Partnerschaft und Beziehung) oder Sitcoms und Comedians am „Donnerstag mit Biss“. Gesendet wird an den meisten Tagen von 17 bis 1 Uhr, am Wochenende länger. Finanziert werden soll das Ganze über Werbeeinnahmen. Timm sei unabhängig, ohne Sendergruppe im Rücken. Keine unlösbare Aufgabe, so der Geschäftsführer. Stichwort Konsumkultur. Die schwule Zielgruppe gilt als ausgesprochen attraktiv für die Werbeindustrie, verfügt öfter über höhere Einkommen. Das Programm solle aber keine Zuschauergruppe ausschließen, sagt Lukas. „Auch Lesben, heterosexuelle Frauen und Männer werden viel bei Timm entdecken können.“

"Schwulsein reicht für ein gutes Programm nicht aus"

Vor 20, 30 Jahren wäre das in der Form noch undenkbar gewesen. Die Darstellung von Homosexualität im deutschen Fernsehen war lange Zeit ein Tabuthema. Gelegentlich wurden Filme, die Homosexualität thematisierten, ausgestrahlt. Auch in Talkshows wurde darüber gesprochen, aber in Produktionen, die sich an die breite Masse richteten, wurde das Thema totgeschwiegen. Oder es wurden Witze über „Homos“ gemacht. Das änderte sich erst Mitte der 80er und in den 90er Jahren, mit homosexuellen Figuren in populären Serien („Denver Clan“), im Infotainment-Bereich mit dem Magazin „andersTrend“ (RTL) oder auch mit Schwulen-Ehe und Schwulenkuss in der „Lindenstraße“. Morddrohungen erhält Georg Uecker nach solchen Szenen heute nicht mehr, trotzdem könne es nicht schaden, sagt der Schauspieler, wenn Schwule jetzt auch mal ihren eigenen Sender machen. „Aber Schwulsein alleine reicht für ein gutes Programm natürlich nicht aus.“

Mittlerweile hat auch eine Internet-Suchmaschine das Potenzial erkannt. Vor ein paar Tagen ist Schwuugle an den Start gegangen, die erste Suchmaschine, die ausschließlich Suchergebnisse liefert, die für den schwulen Mann von Interesse sind. Da dürfte Timm dann auch bald ganz oben stehen.

Im Internet: www.timmtv.com

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