Neuanfang für Das Vierte : Heimat für alle

Erst hieß es beim Fernsehsender Das Vierte "Wir sind Hollywood", dann wurde der Kanal Abspielstation für Abgehangenes. Nun wagt Ex-N-24-Chef Ulrich Ende einen Neustart mit dem Spartensender. Mit Erfolg?

Tim Klimeš
Foto: ddp

Träfe sich die deutsche Fernsehlandschaft zum Familienfest, dann wäre Das Vierte so was wie der ungeliebte Schwager, der nach unzähligen Neuanfängen noch immer nichts aus seinem Leben gemacht hat. Das schwarze Schaf – das nun wieder den Neuanfang wagt, so will es zumindest Ex-N-24-Boss Ulrich Ende, der den Spartenkanal Das Vierte kürzlich gekauft hat.

Bisher war die Geschichte von Das Vierte so ziemlich das Gegenteil von schmerzlos: Im September 2005 war der Sender als Ableger des amerikanischen NBC-Imperiums in Deutschland gestartet, der Claim damals: „Wir sind Hollywood.“ Größer ging nicht. Das Vierte sollte ein exklusiver Spielfilmkanal werden; angepeilt wurde ein Marktanteil von etwas über einem Prozent. Doch Das Vierte wurde eine Abspielstation für Abgehangenes.

Zwei Jahre nach dem Start kamen zu den wenig erfolgreichen Spielfilmen noch wenig erfolgreiche Kochshows und Zeichentrickfilme dazu – noch ein Jahr später wurde es NBC Universal zu viel: Die Amerikaner verkauften Das Vierte nach Russland. Der Käufer: Dmitri Lesnewski, erfolgreicher TV-Produzent und Spezialist für harte Fälle, in seiner Heimat etablierte er einen kremlkritischen Kanal und eine Zeitung.

Das Vierte wollte er zum Vollprogramm ausbauen. Mit Nachrichten und Dokumentationen sollte Relevanz zu den abgegriffenen Hollywoodfilmen hinzukommen. Doch nach Finanz- und Medienkrise kamen vor allem Astro-Shows und Homeshopping-Fenster. Lesnewski verkaufte Das Vierte an den mittlerweile dritten Abnehmer: Ulrich Ende. Lesnewski will den deutschen Markt indes nicht aufgeben, auch wenn er gerade im Bieterwettbewerb um N 24 unterlegen ist.

Der 57-jährige Ende ist ein erfahrener Fernsehmann. Mitte der Neunziger verantwortete er den noch frischen Nachrichtensender n-tv als Chefredakteur, 1998 wechselte er zur Konkurrenz und baute als Geschäftsführer N 24 mit auf. Ein Nachrichtenmann durch und durch. Nur: Was will der mit dem Spielfilmsender?

Erst einmal: nichts versprechen. Besonders keinen Erfolg. Zu groß ist die Gefahr, in einigen Monaten an den eigenen Visionen gemessen zu werden. Doch wie bei Lesnewski fällt auch bei Ulrich Ende das Wort „Vollprogramm“, wenn er über die Zukunft von Das Vierte spricht. „Spielfilmsender“ fällt nicht.

Erste Konturen des überarbeiteten Programms wurden schon sichtbar. Für Mitte August sind der Start wöchentlicher Dokumentationen, der Informationssendung „Neues aus der Medizin“, des Talks „Berggespräche“ und der eigens produzierten, werktäglichen Sitcom „Ein Haus voller Töchter“ angekündigt. Schlau wird man aus diesen bunten Ankündigungen nicht. Wohin soll der Sender steuern, für was soll er stehen?

Die Schmallippigkeit wird auch formal-banale Gründe haben. Zwar ist der Kaufvertrag zwischen Ende und Lesnewski bereits unterschrieben, und auch die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK), die von der für die Lizenzvergabe zuständigen Landesmedienanstalt NRW (LfM) beauftragt wurde, hatte bei ihrer Sitzung vergangene Woche keine Einwände. Final muss nun noch die Kommission für Zulassung und Aufsicht der Landesmedienanstalten (ZAK) zustimmen.

Zu prüfen galt es auch, wer die Gesellschafter hinter Ulrich Ende sind. Der ehemalige N-24-Mann verhandelte als Geschäftsführer der Münchner Firma Phönix Medien GmbH, die wiederum eine Tochter der Londoner Aktiengesellschaft Spirit ON Media ist. Ein Private-Equity- Unternehmen, das sich im jetzigen Sendeschema von Das Vierte wohlfühlen würde. Einige der Beteiligungen der Spirit ON Media haben Namen wie meintvshop.de oder SpiritON.tv – Schubladen-Homeshopping erster Güte.

„Das Vierte wird weder ein Nachrichtensender noch ein Teleshopping-Kanal“, sagt Ende. Den großen Vorteil in seinem Neuerwerb sieht der TV-Mann in der Unabhängigkeit des Senders. Das Vierte sei immerhin einer der wenigen Kanäle, die nicht den Formatzwängen eines Konzerns untergeordnet seien. Im Pro Sieben Sat 1- Verbund falle einem der Sender die Familienkompetenz (Sat 1), einem anderen die Jugendkompetenz (ProSieben) zu. „,Das Vierte soll all denen eine Heimat geben, die sonst eine ganze Sendergruppe brauchen, um ihre Interessen abzudecken.“

Alle Interessen? In einem Sender? Und dann beschwichtigt Ulrich Ende gleich wieder: „Das ist nicht leicht umsetzbar! Ich bin kein Freund von vollmundigen Versprechungen. Wir werden sehen, was realisierbar ist.“ Tim Klimeš

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