Neue ARD-Krimireihe „Inspector Mathias“ : Das Schweigen mit Lämmern

"Günther Jauch" macht Sommerpause, die ARD füllt den Sendeplatz mit einer neuen Krimireihe: "Inspector Mathias“ geht im walisischen Hinterland auf Verbrecherjagd.

Nikolaus von Festenberg
Tatort Wales: Chief Inspector Mathias (Richard Harrington, vorne) mit seinen Ermittlern Rhys (Mali Harries, v.l.n.r.), Ellis (Alex Harries) und Owens (Hannah Daniel).
Tatort Wales: Chief Inspector Mathias (Richard Harrington, vorne) mit seinen Ermittlern Rhys (Mali Harries, v.l.n.r.), Ellis (Alex...Foto: ARD Degeto

Es kann natürlich nicht sein, aber das Gefühl ist trotzdem da: Eine Landschaft schreibt sich ihren eigenen Krimi. Eine Geschichte der Einsilbigkeit, der kahlen Hügel, der wunderlichen Eremiten inmitten der Schafe und der alten Rechnungen, die nie beglichen wurden. Karriere im Polizeidienst macht man in dieser Abgelegenheit eher selten.

Im Original heißt die gesamte Produktion „Hinterland“

Wenn Chief Inspector Tom Mathias (Richard Harrington) im walisischen Badeörtchen Aberystwyth nach zehn Jahren Scotland Yard seinen Dienst antritt, ist jedenfalls nichts von Karriereeifer zu spüren, sondern von Einberufung und Selbstbestrafung. Was quält ihn? Besser, denkt Kommissar Mathias, er hält seinen Mund und macht seine Arbeit. Aber die Dämonen gehen nicht weg.

Das ist die Exposition einer Krimireihe, die von verschiedenen Autoren und Regisseuren geschrieben und inszeniert wurde, gedreht nicht nur auf Walisisch, sondern auch in englischer Sprache. Von diesem Sonntag an zeigt die ARD auf dem Platz von „Günther Jauch“ vier Episoden. Im Original heißt die gesamte Produktion „Hinterland“ und macht klar, dass diese Krimis nicht in der Großstadt spielen, sondern dort, wo die Menschen am liebsten mit den Lämmern schweigen und kommunikative Schafskälte das Leben bestimmt.

Die Episode vom ersten Einsatz, zu dem Tom, der Neue, mit seinem aus der Gegend stammenden cleveren Team gerufen wird, heißt „Die Brücke des Teufels“, eine Anspielung auf eine alte Geschichte, in welcher der Teufel eine Brücke baut, wenn man ihm das erste Lebewesen, das das Bauwerk überquert, als Belohnung verspricht. Satanische List gegen den Satan: Statt eines nichtsahnenden Menschen wird ein Hund über die Brücke geschickt. Der Gott-sei-bei-uns verflucht den Ort.

Gegensatz zwischen Landschaft und Ermittlungsarbeit

Eine 64-Jährige ist verschwunden. Irgendwann findet man ihre Leiche – bei der Teufelsbrücke natürlich. Und des Rätsels Lösung liegt tief in der Vergangenheit verborgen, die mit brutaler Heimerziehung zu tun hat. Der Reiz dieser TV-Erzählung liegt, wie in allen weiteren Folgen, in dem Gegensatz zwischen Landschaft und Ermittlungsarbeit. Die Kamera beobachtet die Ermittlungsschritte pflichtgemäß, aber am liebsten streift sie durch die karge Landschaft, schaut von den Hügeln herab und heftet sich an den Lichtkegel aus der Taschenlampe des Ermittlers Tom, der oft nachts durch alte Häuser streift und grundsätzlich nie das normale Licht anmacht.

Toms Team, Mared Rhys (Mali Harries), eine lebenskluge alleinstehende Mutter, und ihre attraktive blonde Kollegin Sian Owend (Hannah Daniel) samt dem computerspezialisierten Jungpolizisten Lloyd Ellis (Alex Harries) vermeiden alle Fragen nach der Vergangenheit ihres Lohengrins Tom. Sie und die Zuschauer müssen mit Andeutungen vorliebnehmen. Sie sehen seine merkwürdige Wohnwagenbehausung am Meeresstrand, aus der er verloren auf die See blickt. Bei ihm sind Fotos von Kindern zu sehen, über die er nicht spricht. In der Episode „Stille Wasser“ am 26. Juli lässt sich Tom in die Seele blicken, weil er Sympathien für einen verdächtigen Aussteiger zu erkennen gibt, der in einem Wohnwagen im Wald haust, weil er unter der Trennung von Frau und Kind leidet. Diese Sympathie macht den Inspektor befangen und behindert die polizeiliche Aufklärung.

Eine vorsichtige Metapher für verletztes Leben

Zur Bebilderung des seelischen Subtextes, der das Krimigeschehen begleitet, gehört die Aufnahme von Schafswollfetzen, die im Weidezaun am Stacheldraht hängen geblieben sind und sinnlos im Wind flattern – eine vorsichtige Metapher für verletztes Leben, das in dieser merkwürdig erhabenen Landschaft zu sich selber zurückfinden kann.

Wer diese gezeigten weiten Naturbilder einatmet, die sich über das Klein-Klein der Ermittlungen erheben, der könnte bei so manchem deutschen Krimi Lust bekommen, das Fenster zu öffnen.

- „Inspector Mathias – Mord in Wales: Die Brücke des Teufels“, ARD, Sonntag, 21 Uhr 45

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