Neue ARD-Show : Mit einem Puschel aus Paris

Wie der Franzose Emmanuel Peterfalvi als Alfons die Vorurteile der Deutschen entlarvt

Markus Ehrenberg
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Passantenschreck. Mit seinem großen Puschelmikrofon geht Emmanuel Peterfalvi alias Alfons auf die Straße und stellt nur scheinbar...

Es gibt zwei Arten, sich Emmanuel Peterfalvi zu nähern. Zum einen über die Themen schräge Komik und Kunstfiguren, über das, was offenbar ankommt und weitertreibt im deutschen Unterhaltungsfernsehen, zum anderen über die schwierige Balance zwischen Quatsch und Hintersinn, kurz: über Alfons, Peterfalvis sanft-vertrottelte Kunstfigur, der Mann mit orangefarbener Trainingsjacke, gelfeuchtem Haar und Windpuschel-Mikro, der Deutsche seit Jahren in hanebüchenen Straßenumfragen zu sich selber bringt und der an diesem Montag seine eigene Show im Ersten bekommt. Wer Sendungen, die „Puschel-TV“ heißen, immer noch für Quatsch hält, sollte trotzdem weiterlesen. Es könnte den nächsten Frankreich-Urlaub angenehmer machen.

Typisch Franzose. Emmanuel Peterfalvi kommt erst mal zu spät zum Treffen ins Schöneberger Café Einstein: „Sorry, die öffentlichen Verkehrsmittel.“ Man erkennt ihn kaum. Keine orange Trainingsjacke, kein Gel im Haar. Nur dieser Hundeblick, mit dem Alfons Menschen im Fernsehen aufs Glatteis führt – unverkennbar. Die Frage liegt nah. Was hat die Kunstfigur mit Peterfalvi gemein? „Ich hab’ mir bei der Erfindung von Alfons meine Macken angeguckt, das Ganze dann nur eben übertrieben. Alfons passiert ungefähr alles. Privat bin ich auch nicht gerade sehr geschickt.“ Neulich habe er beim Tanken den Saugstutzen nicht mehr aus dem Auto gekriegt. Der Tankstellen-Service war ratlos.

Seine Mutter wollte, dass er sich zum Ingenieur für Kommunikationstechnologie ausbilden lässt. Das hat er gemacht. Die Ausübung dieses Berufes, sagt er, wäre bei seinem Geschick eine Katastrophe gewesen. Für eine kleine Medienkarriere hat es gereicht. Schon als Kind befragte Peterfalvi Erwachsene und zeichnete die Gespräche mit einem Kassettenrecorder auf, später betrieb er mit Freunden von einem Pariser Dachboden aus einen Piratensender. 1991 kam er nach Deutschland, wurde Redakteur bei Premiere. Seinen ersten TV-Auftritt hatte er 1994 bei „Kalkofes Mattscheibe“. Die Figur des „rasenden Reporters“ Alfons etablierte er bei „ZAK“, „extra 3“, „Panorama“ und „Verstehen Sie Spaß?“ sowie für den Südwestrundfunk in der Comedyshow „Alfons & Gäste“. Die ersten sechs Folgen von „Puschel TV“ liefen Anfang 2009 so erfolgreich beim SWR, dass eine zweite Staffel in Auftrag gegeben wurde. Die ARD bringt das Ganze nun auf ihrem Experimentierplatz für schräge Komik: Montagnacht, wo sonst Kurt Krömer und Ina Müller ihr Unwesen treiben.

Der späte Sendetermin schafft es genauso wenig, Peterfalvis gute Laune zu vertreiben wie die Berliner S-Bahn. Fans im Internet sagen sowieso: Der beste Komiker in Deutschland ist ein Franzose. Der Kabarettist lächelt verlegen, rührt in seinem Espresso. „Das macht mich superstolz, wenn ich meinen Werdegang sehe: vor 18 Jahren nach Deutschland gekommen, ohne ein Wort deutsch zu sprechen, jetzt eine eigene Sendung im ersten deutschen Fernsehen.“ Damit steigen natürlich auch die Erwartungen. Peterfalvi will mehr Reportagen machen, deutsche Geschichten erzählen. Wie die des Kleingartenvereins mit seinem schwarzafrikanischen Mitglied Jessie, der in seiner Schrebergartenbude das Bild eines grimmig guckenden preußischen Königs hängen hat und vor der Kamera nach einem Witz über Weiße sucht. Dazu der Kleingartenvereinsvorsitzende, der erzählt, wer hier bald rausfliegt, weil er sich beim Pflanzen nicht an die Regeln hält.

Das muss nicht jeder lustig finden. Umfragen-Unsinn hat ja Tradition im deutschen Spaß-Fernsehen. Alfons setzt dem einen drauf, wenn er mit seinem übergroßen Mikro an Passanten herantritt und Fragen stellt wie „Wären Sie lieber schwul oder Politiker?“ oder „Was ist fauler, der Ausländer oder der Arbeitslose?“ Die Fragen trägt er mit starkem französischen Akzent vor und erweckt den Eindruck eines „trotteligen Franzosen“, der der deutschen Sprache nicht besonders mächtig ist. Die Befragten antworten außergewöhnlich offen und entlarven sich dabei mit ihren Vorurteilen meistens selbst.

„Alfons-Magie“, so nennt das Emmanuel Peterfalvi. Privat hat er es nicht so mit dem Akzent. Nach einer halben Stunde Gespräch ist fast vergessen, dass da dieser Alfons vor einem sitzt. Der Akzent komme nur, wenn die Kamera angeht. Und ein Witzeerzähler sei er nie gewesen, auch nicht bei seinen Bühnenprogrammen oder bei seiner französischen Frau und seinen zwei Kindern in Hamburg. Das alte Lied von den traurigen Komödianten? „Im Grunde genommen bin ich nur per Zufall lustig. Alfons ist ein Katalysator, damit die Situation lustig wird.“ Mitleid mit ihm müsse man nicht haben. „Das Schöne an meiner Arbeit ist ja, dass ich mir als Alfons Sachen erlauben kann, die ich niemals machen würde.“ Das klingt nach Therapie, ist aber harte Arbeit. Peterfalvi braucht zehn Stunden Umfragerei für drei Minuten Umfrage im Fernsehen, für sechs Folgen „Puschel TV“ ein ganzes Jahr.

Deutschlands vielleicht bester Fernsehkomiker ist also nicht nur ein Franzose, sondern Perfektionist. Und von wegen: trotteliger Franzose, humorlose Deutsche. Über diese Klischees kann er sich aufregen. „Seit Jahren höre ich: ,Wir Deutsche sind langweilig. Mit Deutschen kann man keinen Spaß haben’.“ Seine Show sei eine Reaktion darauf. „Ich will sagen: Hört auf, euch zu foltern. Deutschland ist toll, das weiß ich, sonst wäre ich nicht 18 Jahre hier geblieben. Ich reise durch Deutschland und zeige, was für eine Vielfalt es gibt, was für tolle Typen und Dinge.“ Ein bisschen so funktioniert ja auch Kurt Krömer. Vielleicht mögen Deutsche, siehe Hape Kerkelings Figur Horst Schlämmer, Kunstfiguren besonders gerne. Harald Schmidt ist von Alfons jedenfalls begeistert. Peterfalvi war zig mal Gast in dessen Show.

Ganz ungefährlich ist das Leben dieses sanften, ungeschickten Entertainers allerdings nicht. Ein Botschaftsberater hatte ihm mal vorgeworfen, das, was er mache, sei ganz schlecht für das Image von Frankreich. Und ob ihm die Leute in Deutschland nicht schon mal komisch gekommen wären, wenn sie auf der Straße dämliche Fragen beantworten müssten? Das würde wohl in Frankreich passieren. „Da sind die Leute viel aggressiver, prügeln gerne. In Deutschland habe ich nur einmal Ärger bekommen, mit einer Französin, in einem Käseladen in Ludwigsburg. Die hat mich rausgeschmissen.“ Was man in „Asterix“ über die Gallier lese, das sei gut beobachtet. Sein Rat also, leg’ dich nie mit einem Franzosen an? „Naja“, Emmanuel Peterfalvi lacht,, „das kann auch lustig sein, nach der Prügelei ist es immer nett.“ Sagt’s und zieht mit seinem Rucksack Richtung Bahnhof Zoo. Gott sei Dank nicht mit dem Auto.

„Puschel-TV“, ARD, 0 Uhr 40

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