Neue ARD-Vorabendserie "WaPo Bodensee" : Heimfernweh

Die ARD-Serie "WaPo Bodensee" bedient den ungebrochenen Bedarf nach leichter Vorabendkost

Jan Freitag
In der neuen ARD-Vorabendserie "WaPo Bodensee" führt Floriane Daniel (Zweite von rechts) als Kommissarin Nele Fehrenbach das Kommando.
In der neuen ARD-Vorabendserie "WaPo Bodensee" führt Floriane Daniel (Zweite von rechts) als Kommissarin Nele Fehrenbach das...Foto: obs

Zuhause, endlich! Nach Jahren im Hamburger Exil sitzt Nele an Bord ihres Dienstboots und gleitet durchs Gewässer ihrer Jugend. Die Wasserschutzpolizistin ist wieder da, wo sie hingehört, was die Frage provoziert: War Nele je weg? Wenn es nach der ARD geht, nur physisch. Ihr Körper befand sich zwar an der Alster, der Geist hingegen, die Seele, was den Menschen wirklich ausmacht, hat den Bodensee nie ganz verlassen: Heimat, Start und Ziel aller Sehnsucht.
Die Rückkehr der ausgewanderten Nele (Floriane Daniel) ins mütterliche Haus ihrer Vaterstadt – es ist ein zeitloses Film- und Fernsehmotiv, mit dem das Erste ab 18 Uhr 50 den Vorabend füllt. Von Pilcher bis Lindström, von Landarzt bis Bergdoktor, vom Romanzenfundus bei Sat1 bis zum Krimizyklus aller Kanäle: Seit jeher erklingt die sentimental angereicherte Melodie vom Landflüchtigen, der nur vertraute Berg-/See-/Heideluft atmen muss, um das urbane Exil reuig zu räumen. Bei Kommissarin Nele Fehrenbach liegt die Sache zwar etwas anders. Da ihr Mann sie betrogen hat, flieht Nele mit zwei Kindern eher vor der Zukunft als in die Vergangenheit. Dass sich dort bald etwas mit dem Schweizer Kollegen (Martin Rapold) anbahnt, zählt aber bereits zum Genre wie die Liebe selbst. Filmhistorisch ist Nele daher Sonja Ziemann und ihr Lover in spe Rudolf Prack oder Marianne Hold und Claus Holm oder Waltraud Haas und Peter Alexander.

Ein Volkslied auf die Moderne pfeifen


So hießen Leinwandpaare der Nachkriegszeit, die gen Happyend vom Dreck der Zivilisation gereinigt vorm Altar knubbeltürmiger Dorfkirchen stehen und ein Volkslied auf die Moderne pfeifen. Nur in den Siebzigern gönnte sich derart erholsame Betulichkeit eine Pause im deutschen Film, der damals zum sozialkritischen Autorenkino wurde. Aber nur, um nach der geistig-moralischen Wende nachhaltig aufzuleben. 2004 zum Beispiel war es Julia Richter, die dem Stadtschnösel Kai Wiesinger in der ARD-Komödie „Willkommen daheim“ auf die elterliche Scholle entkam, wo ein kerniger Bauernbub seit Schulzeiten nur auf sie wartet. Sechs Jahre später überzeugte ein Naturbursche (Thure Riefenstein) die Akademikerin (Julie Stemberger) vom Lebenswert ihres Geburtsortes. Zuletzt ging Alwara Höfels als bäuerliches Landei zwar den umgekehrten Weg zur Schwester in Düsseldorf. Aber der Titel zeigt, wo der Exkurs endet: „Einmal Bauernhof und zurück“.
Die heile Welt von gestern als Refugium in der kaputten Welt von heute: Schon lange vor Pegida, Trump, IS und den Folgen ließ die zivilisationsmüde Globalisierungskritik fiktional mit einem diffusen Begriff von Heimat Dampf ab. Die hinreißende „Piefke-Saga“ hat das 1990 noch mit einer Persiflage getan, in der Stadt und Land gleichermaßen ihr Fett wegkriegen. Hans Steinbichlers preisgekröntes Dorfdrama „Hierankl“ skizzierte diesen Gegensatz 13 Jahre später zwar humorlos, aber nicht weniger brillant. Das Regelprogramm jedoch stilisiert die Rückbesinnung aufs Hergebrachte gerade auf den leichteren Sendeplätzen vor acht oder nach Mittwoch lieber zur alternativlosen Antwort auf lästige Fragen der Moderne.

Überm Bodensee liegt dichter Nebel


So wie die Entwurzelten des seltsam nazifreien Wirtschaftswunderfilms auf der Flucht vor moderner Unordnung im wohlsortierten Land ihrer Eltern um Asyl baten, muss man Städter auf Heimaturlaub auch heute nur mal zur obligatorischen Blasmusik in Dirndl oder Janker stecken, schon lassen sie die Steinwüsten ihrer Wohnorte frohlockend hinter sich. Bei „WaPo Bodensee“ ist es zwar keine Tracht, sondern die Uniform der örtlichen Polizei. Doch schon wegen des Faktors Wasser dient sie als Chiffre einer Bodenständigkeit, die auch das „Großstadtrevier“ im kriminellen Milieu jener Metropole vermittelt, der Nele entflohen ist.
Trotzdem darf man dem Format zugute halten, dass in ihrer alten Heimat nicht alles so heil ist wie sonst am Vorabend. Überm Bodensee liegt Nebel, als im Pilotfilm „Geisterschiff“ eine Wasserleichte auftaucht. In der Schule wird gemobbt, am Strand gekifft, unter Kollegen kompetenzgerangelt und bei Mama Mechthild (Diana Körner) kontrolliert. All dies überstrahlt der Bodensee allerdings durch ständige Totalen, in deren Glanz jedes Problem lösbar werden. Und dem Schweizer Kollegen kommt Nele bald sehr nah. Versprochen!

"WaPo Bodensee", ARD, Dienstag, 18 Uhr 50

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