Neue Büchersendung : Das literarische Duett

Mit Spannung erwartet: Amelie Fried und Ijoma Mangold starten am Freitag als die neuen „Vorleser“ der Nation.

Simone Schellhammer

Wenn es nach Ijoma Mangold geht, dann wird nach dem 10. Juli nichts mehr so sein, wie es war. Zumindest was die deutschen Bestsellerlisten angeht. Derzeit werden sie von Stephenie Meyer und ihren Bis(s)-Romanen dominiert. „Es wäre schön, wenn wir mit unserer Sendung das Gesicht der Bestsellerlisten verändern könnten“, hofft der 38-Jährige, der seit April dieses Jahres stellvertretender Feuilletonchef der „Zeit“ ist und nun zusammen mit Amelie Fried eine der wohl einflussreichsten Büchersendungen im deutschen Fernsehen moderieren wird. Mangold, dessen Vater aus Nigeria stammt, gilt als junger Wilder unter den Literaturkritikern. Als Juror des Bachmann-Preises fiel er durch seine sehr kluge, selbstreflexive, nie arrogante Art auf, mit der er Sätze sagt wie: „Ich habe den Text nicht so ganz verstanden, was mich aber gar nicht stört.“ Beim Sprechen wedelt er freundlich mit den Händen, als dirigiere er seine brillant formulierten Argumente mit Schwung zu den Zuhörern hinüber.

An seiner Seite: die stets jugendlich wirkende Amelie Fried (zuletzt „3 nach 9“ mit Giovanni di Lorenzo) mit ihren lachenden Augen und dem fröhlichen Mund, der die gute Laune nie abhandenzukommen scheint. Die beiden verstehen sich nach eigenen Aussagen großartig und haben bisher kein Buch gefunden, bei dem ihre Meinungen grundsätzlich auseinandergegangen wären. Klingt nach ein bisschen viel Harmonie, muss aber nicht langweilig sein. „Es gibt auch unterhalb der Schlammschlacht Kontroversen“, findet Ijoma Mangold.

ZDF-Kulturchef Peter Arens will mit „Die Vorleser“ eine Mischung aus den zwei Vorgängersendungen „Das literarische Quartett“ und „Lesen!“ schaffen und „zu mehr Diskurs und literarischer Kritik“ zurückkehren. Die beiden Moderatoren seien die erste Wahl gewesen (andere sprechen von langwierigen Castings) und außerdem zwei Literaturprofis, deren Urteil Gewicht habe. Vielleicht ist Ijoma Mangold tatsächlich ein junger, ungleich charmanterer Marcel Reich-Ranicki und Amelie Fried mit dem Modell „gute Freundin empfiehlt gutes Buch“ Elke Heidenreich nicht ganz unähnlich.

Heidenreich war letztes Jahr im Oktober ihrem Kollegen Reich-Ranicki beigesprungen, der den Deutschen Fernsehpreis mit der Begründung abgelehnt hatte, man habe an dem Verleihungsabend nur „Blödsinn“ gesehen. Als Heidenreich ein paar Tage später in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ schrieb, dass sie sich schäme, bei einem solchen Sender wie dem ZDF überhaupt noch zu arbeiten, wurde sie von Programmdirektor Thomas Bellut kurzerhand entlassen. Den noch ausstehenden Sendetermin am 5. Dezember 2008 übernahmen Christine Westermann und Wolfgang Herles, was aber eine traurige, blutleere Veranstaltung war. Elke Heidenreich produziert nun seit November 2008 ihre Sendung „Lesen!“ einmal im Monat für das Internetportal litcolony.de und hat dort statt einst zwei Millionen Zuschauer noch einige zehntausend.

Für „Die Vorleser“, die sich als „Vorkoster“ verstehen, aber auch gegen die Nähe zu Bernhard Schlinks Erfolgsbuch „Der Vorleser“ nichts einzuwenden haben, hofft man auf eine Mindestquote von einer Million Zuschauer. Vor allem der Buchhandel, der nun erstmals vorab über die zu besprechenden Bücher informiert wird, kann den Start der Sendung kaum noch erwarten. Und auch wenn Amelie Fried sagt, dass man „kein Shoppingkanal“ werden wolle, geht es wie in jeder Büchersendung auch um Werbung. Die Titel für die Premiere sind: „Kürzere Tage“ von Anna Katharina Hahn, „Weiße Geister“ von Alice Greenway, „Heartland“ von Joey Goebel, „Ein anderes Leben“ von Per Olov Enquist und „Als ich ein kleiner Junge war“ von Erich Kästner.

Letzteren bringt Schauspieler Walter Sittler mit, der als Gast in der Sendung sein wird. Er war mit einer Kästner-Lesung letztes Jahr auf Deutschland-Tournee und dreht für das ZDF die Reihe „Der Kommissar und das Meer“. Aufgezeichnet werden die jährlich sechs Sendungen im ehemaligen Hauptzollamt in der Hamburger Speicherstadt. Dort sei es „historisch und modern zugleich“, findet Literaturredakteur Werner von Bergen. Außerdem ist es nicht weit entfernt von Ijoma Mangolds Redaktionsräumen bei der „Zeit“.

„Die Vorleser“, Freitag, 22 Uhr 30, ZDF

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