Neue Doping-Fälle : Auf Schlingerkurs

ARD und ZDF haben die TV-Rechte für die Tour de France 2009 – und denken über einen Ausstieg nach

Joachim Huber
Stefan Schumacher unter Doping-Verdacht
Unter Dopingverdacht. der deutsche Radprofi Stefan Schumacher.Foto: dpa

Jeder neue Doping-Fall wie der des Deutschen Stefan Schumacher bringt die Verantwortlichen bei den Fernsehsendern zur alten Frage zurück: Sollen ARD und ZDF den Radsport und den Saison-Höhepunkt, die Tour de France, weiter übertragen? Das Erste sucht die Entscheidung in den nächsten Tagen, da werden sich die ARD-Intendanten auf ein Ja oder ein Nein verständigen.

Vertraglich gebunden hat sich die ARD bereits, und zwar mit der Vereinbarung, die die Europäische Rundfunk-Union (EBU) mit dem Tour-Organisator ASO für die Jahre 2009 bis 2011 abgeschlossen hat. Dieser Vertrag ist für die EBU-Mitglieder ARD und ZDF bindend, pro Tour werden jedem der beiden öffentlich-rechtlichen Sender 3,5 Millionen Euro in Rechnung gestellt. Allerdings haben sich ARD und ZDF breite Ausstiegsfenster in das Vertragswerk einbauen lassen.

Das ZDF sieht sich nach den Worten von Chefredakteur Nikolaus Brender nicht im Entscheidungszwang, die nächste Tour starte ja erst im Juli 2009. „Wir werden jetzt in Gesprächen mit der ARD festlegen, ob wir die Tour de France 2009 gemeinsam übertragen“, sagte ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender dem Tagesspiegel. Dass nur einer der beiden Sender die Tour zeigt, gilt als ausgeschlossen.

Das ZDF werde abwarten, was noch so alles unter dem Tisch hervorgefegt werde und ob der Radsport überhaupt noch zu retten sei. „Alle Konsequenzen – auch ein Ausstieg – sind möglich, denn Kontrolle ohne Konsequenz funktioniert nicht.“ Der neuerliche Fall sei für ihn „ein Schlag“, sagte Brender. „Zum wiederholten Mal wurde uns gesagt: Das sind die neuen Jungen, die nichts mit dem Doping zu tun haben.“ 2007 hatten ARD und ZDF die Live-Berichterstattung von der Tour nach aufsehenerregenden Dopingfällen gestoppt. In diesem Jahr versuchten die Tour-Organisatoren einen Neuanfang, doch gab es schon während der Rundfahrt Dopingfälle und nun, im Nachgang, gibt es weitere Enthüllungen. „Die Überführung von Schumacher zeigt zwar, dass das Kontrollnetz immer effektiver wird und die Betrüger aussortiert“, sagte ARD-Sprecher Christian Bauer. Aber letztendlich stelle sich doch die Frage, wem man im Radsport überhaupt noch trauen könne.

Dass sich die öffentlich-rechtlichen Sender erst vertraglich zur Übertragung binden lassen und dann wieder über einen Ausstieg nachdenken, wer will da nicht einen Schlingerkurs erkennen? ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender jedenfalls will es nicht. „Wir lavieren nicht. Wir müssen aber mit Rücksicht auf die sauberen Radsportler und die Vereine sehr genau überlegen, ob wir eine ganze Sportart in den Orkus stoßen wollen.“

EBU-Sprecher Stefan Kürten zeigte sich betrübt über die neuen Fälle und zufrieden, dass das Kontrollsystem funktioniere. Die neuen Enthüllungen seien nicht automatisch ein Grund zum Ausstieg des europäischen Senderverbundes aus dem Tour-Vertrag. „Wir gehen davon aus, dass ASO auf Seiten derjenigen steht, die Doping verhindern wollen.“ Es gebe einen „strikten Katalog“, der es der EBU erlaube, bei einem Fehlverhalten der ASO auszusteigen.

Nur ein Sender hält unbeirrt Kurs: Eurosport will auch künftig vom Radsport berichten. Bereits bei der Tour de France 2007 hatte Eurosport seine Berichterstattung trotz des Dopingfalls Patrik Sinkewitz fortgesetzt. Die Hardcore-Fans haben es gedankt.

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