Neue Fahnderin : Gegen den Strich

Ausbaufähig: Sibel Kekilli rückt an die Seite von „Tatort“-Ermittler Axel Milberg

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Unfall-Folgen. Künftig soll Sarah Brandt (Sibel Kekilli) als intelligente und schnelle Ermittlerin Kommissar Borowski (Axel Milberg) unterstützen – auch psychologisch. Foto: NDR
Unfall-Folgen. Künftig soll Sarah Brandt (Sibel Kekilli) als intelligente und schnelle Ermittlerin Kommissar Borowski (Axel...Foto: NDR/Marion von der Mehden

„Psychologie, pah. Psychologie ist nicht alles.“ „Ja, aber ohne Psychologie ist alles nichts.“ Schon die ersten Dialog-Geplänkel des neuen Kieler „Tatort“-Gespanns Klaus Borowski und Sarah Brandt alias Axel Milberg und Sibel Kekilli deuten an, dass es an der Seite des kauzigen Ermittlers von der Förde mit Seelenkunde und weiblicher Intuition durchaus weiter- geht. Dabei wurde der Kommissar doch erst im April von seiner aparten „Psychologin“ Frieda Jung (Maren Eggert) verlassen, nach sieben Jahren. Darauf verweist im jüngsten Fall aber nur noch ein Brief aus Helsinki, den Borowski aber gar nicht mehr zu Ende liest.

So schnell geht das. Der Kauz und die neckische Psychologin – nach dem Frankfurter Duo Dellwo/Sänger ist mit Borowski/Jung ein weiteres, interessantes Ermittlergespann aus dem „Tatort“-Kosmos verschwunden. Und so viel steht fest: Es wird nach Sichtung der ersten Folge noch einige Zeit dauern, bis das aufgefangen werden kann, bis man sich an die Neue in Kiel gewöhnt hat. Was nicht unbedingt an Sibel Kekilli liegt. Sondern am Plot für „Borowski und eine Frage von reinem Geschmack“ (Buch: Kai Hafemeister, Christoph Silber, Thorsten Wettcke), einer kruden Geschichte zum Thema Essen, Chemie im Lebensmittel, Öko-Food. Den Fall lässt der sichtlich unterforderte Kommissar Borowski quasi von alleine erledigen. Ein 15-Jähriger erleidet mit der Einnahme eines Energy-Drink einen allergischen Schock und stirbt. Die Spur führt zu einer Molkerei und deren ehrgeiziger Firmenchefin Liane Kallberg (Esther Schweins). War es Sabotage? Erpressung? Die zerstrittene Kallberg-Familie gerät ebenso in Borowskis Visier wie ein Umweltaktivist, der sich in die Tochter der Firmenchefin verliebt hat, ausgerechnet.

Bleibt der Fokus auf Sibel Kekilli. Ihr Debüt beschränkt sich auf wenige Szenen, nachdem diese Sarah Brandt wie aus dem Nichts aufgetaucht und mit ihrem Jeep auf Borowskis alten Wagen aufgefahren ist. Man kommt ins Gespräch. Später dient Brandts Hof als Einsatzzentrale. Vieles um die Figur Sarah Brandt und ihr Bezug auf Borowski ist offen, naturgemäß. Dass Kekilli einen festen Platz im „Tatort“-Team bekommt, habe sich erst nach den Dreharbeiten zu diesem Film ergeben, heißt es. Künftig soll sie als intelligente und schnelle Ermittlerin Borowski bei seinen Fällen unterstützen – und frischen Wind in sein Leben bringen, möglicherweise noch mehr, auch wenn das Kekilli abstreitet: „Zwischen Sarah Brandt und ihm wird es auf keinen Fall eine Liebesbeziehung geben.“

Wie lange Sibel Kekilli beim „Tatort“ bleiben will, wie ihre Rolle im Detail aussehen soll – das wisse sie noch nicht, sagt die Schauspielerin. „Es hat ja noch nicht mal angefangen.“ In diesem Jahr hat die 30-Jährige für den Film „Die Fremde“ und ihre Darstellung einer kurdischstämmigen Deutschen, die die Türkei verlässt, um mit ihrem Sohn in Deutschland ein selbstbestimmtes Leben zu führen, zum zweiten Mal den Deutschen Filmpreis gewonnen, nach 2004 und ihrer prägenden Rolle in Fatih Akins „Gegen die Wand“. In ihrer Dankesrede machte Kekilli öffentlich darauf aufmerksam, dass es ihr, obwohl sie bereit sei, alles zu spielen, an Rollenangeboten mangele. Ungewöhnlich genug in der Branche, und ein Weckruf für den NDR, der sich ja schon Mehmet Kurtulus als V-Mann für den Hamburger „Tatort“ einfallen lassen hat.

Jetzt hat Kekilli einen Fernseh-Job, einen sehr guten. Die ständige Rolle im „Tatort“ ist immer noch so ziemlich das Beste, was sich ein deutscher Schauspieler wünschen kann. Zumal in der Konstellation: Die türkischstämmige Schauspielerin, in Heilbronn aufgewachsen, in Hamburg lebend, trägt im Krimi den Namen Sarah Brandt. Quasi gegen den Strich besetzt. Die Idee, Kekillis Abstammung keine Rolle spielen zu lassen, sei vom NDR gekommen, sagt Kekilli. „Das heißt nicht, dass ich meine türkischen Wurzeln verleugnen will, aber ich bin eine Deutsche. Es zeigt mir, dass man mich einfach als Schauspielerin wahrnimmt.“

Gut für die Schauspielerin, gut wohl auch für die ARD, die mit Sibel Kekilli jüngeres Publikum beim „Tatort“ bekommt. Und offenbar einen Trend verstärkt, der auch für andere neue TV-Ermittler wie Ulrich Tukur oder Matthias Brandt gilt: weg vom Privaten, wieder mehr hin zum Fall. Dann müssen die Fälle aber deutlich besser werden.

„Tatort“, Sonntag, ARD, 20 Uhr 15  

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