Neue Konkurrenz der Musik-Dienste : Stream me up, Baby

Spotifys Europa-Chef Jonathan Forster lächelt Apples Musikstreaming-Offensive weg. Eine Begegnung in der Europazentrale in Stockholm.

Victoria Reith, Stockholm
Jonathan Forster, Europa-Chef von Spotify
Jonathan Forster, Europa-Chef von SpotifyFoto: AFP

Von außen ist es ein schlichtes Bürogebäude, nicht im angesagten Süden, sondern im gediegenen Nordosten Stockholms. Nur das Logo verrät, welche Ideenschmiede sich hinter den Mauern verbirgt. Aber wenn man erst einmal in den vierten Stock in die Lobby des weltgrößten Musikstreamingdienstes Spotify vorgedrungen ist, fühlt man sich, als säße man mitten in der Software. Natürlich läuft Musik, Electropop – wer ihn in der Playlist hat, trägt vermutlich weiße In-Ear-Kopfhörer, Jutebeutel und fährt Rennrad. An einer Wand stehen Schallplatten, wie sie jeder Musikfan besitzt, der etwas auf sich hält.

Jonathan Forster, Spotify-Europachef, ist ein dunkelhaariger Brite mit einem breiten Grinsen. Er erzählt, dass seine beiden Kinder gerade im Nebenzimmer spielen. Spotify ist ein familienfreundliches Unternehmen, soll das suggerieren. Es sind auch die flexiblen Arbeitsbedingungen, mit denen das Unternehmen einige der besten Software-Entwickler angeworben haben will.

Das Gespräch findet im Raum „Christina Aguilera“ statt, ein anderer heißt „Maroon 5“. Die Besprechungszimmer sind nach Künstlern benannt, die auf Spotify zu finden sind, erzählt Forster. Einen Raum „Taylor Swift“ sucht man vergeblich. Die erfolgreiche Singer-Songwriterin ist seit November 2014 nicht mehr bei Spotify zu finden, weil die Firma ihrer Ansicht nach Künstler nicht fair entschädige.

Auch den künftigen Spotify-Konkurrenten schlechthin hat die US-Künstlerin bereits das Fürchten gelehrt. In einem Blogpost verurteilte Swift die Firma Apple Music, weil der neue Streamingdienst zum Start seine Musik drei Monate lang kostenlos zur Verfügung stellen – und die Künstler auch nicht bezahlen wollte. Der Musikstreamingdienst der Firma aus dem Silicon Valley geht Ende des Monats auch in Deutschland an den Start und könnte Spotify im Handstreich überholen.

Nach Swifts Brief änderte Apple flugs seine Policy und wird nun doch pro Abruf der Songs zahlen – der Dank vieler noch unbekannter Musiker ist der Sängerin gewiss. Und Apple dürfte jede PR im Vorfeld recht sein, zumal man wohl mit dem schnellen Einlenken einen größeren Imageschaden abgewendet hat.

Neben den 30 Millionen Titeln im Streaming-Angebot richtet Apple ein Radioprogramm ein und will personalisierte Musikvorschläge anbieten. Die Firma kannibalisiert damit ihr Geschäft mit Musikdownloads. Apple Music hat viele potenzielle Kunden, vor einem Jahr gab es nach Angaben des Unternehmens 800 Millionen iTunes-Konten.

20 der 75 Millionen Spotify-Kunden zahlen für den Dienst

Spotify hat derzeit 75 Millionen Nutzer, 20 Millionen davon sind zahlende Kunden, der Rest hat einen kostenlosen Zugang, der durch Werbung unterbrochen wird. Andere Streaminganbieter wie Napster oder Deezer hatten es immer schwer, mit Spotify mitzuhalten, doch Apple wird es dank seines Kundenstamms schaffen.

Das ist auch Spotify-Chef Daniel Ek bewusst, der nach der Präsentation von Apple Music seine Ratlosigkeit mit einem Tweet zum Ausdruck brachte, der einfach nur „Oh ok.“ lautete.

Das Strahlen im Gesicht von Spotify-Europachef Jonathan Forster hingegen lässt Nachfragen über mögliche Zukunftsängste fast wie eine Unverschämtheit erscheinen. Spotify sehe sich durch die Konkurrenz bestärkt, so Forster: „Es war für uns immer offensichtlich, dass Streaming die Zukunft ist. Es ist nur logisch, dass jetzt auch andere, darunter Apple, Ja zum Streaming und damit zur Innovation sagen.“

Wenn man das Handyspiel „Angry Birds“ mit 600 Millionen Nutzern als Maßstab nehme, seien die 75 Millionen von Spotify noch ausbaufähig. Da komme der Markteintritt von Apple gerade recht. „In Berlin kennt, glaube ich, jeder Spotify. Aber in kleineren Städten in Bayern haben die Leute vielleicht noch nichts davon gehört“, sagt Forster. „Apple wird mit seiner riesigen Marketingmaschine allen zeigen, dass Streaming die Zukunft ist.“

Allein wegen seiner 80-Millionen-Einwohnerzahl ist Deutschland trotzdem bereits einer der größten Spotify-Märkte, so Forster, wobei die Firma keine Zahlen nach Ländern veröffentlicht. Kooperationen wie die zwischen Spotify und der Deutschen Telekom sieht der Europachef als Chance, sich bekannter zu machen – und hofft, dass die jungen Stadtbewohner während ihrer Familienbesuche Spotifys Botschaft in weniger urbane Gegenden transportieren.

Mit dem „Freemium“-Modell stellt Spotify seine gesamte Musikbibliothek mit Werbeunterbrechungen kostenlos zur Verfügung. Wer Musik offline speichern und weitere Dienste nutzen will, zahlt zehn Euro. Apple Music wird nach den drei Gratis-Monaten für jeden Einzelnutzer zehn Euro im Monat kosten, für Familien bis zu sechs Personen 15 Euro.

Keine Furcht vor Apple

Spotify bietet seinen Nutzern seit Neuestem eine Jogging-Funktion, auch Videoinhalte und Podcasts werden bald zum Angebot gehören. Die Firma hat sich für weitere Innovationen frisches Geld organisiert: Rund eine halbe Milliarde Euro erhält die Firma von 13 neuen Investoren. Trotzdem könnte Spotifys Marktführerschaft mit dem Eintritt von Apple in den Streaming-Markt bald vorbei sein. Kein Grund zur Panik, so Forster: „Wir wollen insgesamt wachsen, auch wenn wir dann nur noch Nummer zwei sind. Das ist besser, als in einem kleinen Markt Nummer eins zu sein.“

Gerüchten, dass Apple Labels dazu bewegen will, sich von Spotify abzuwenden, entgegnet Jonathan Forster mit einem Achselzucken. Im ersten Quartal 2015 hat Spotify umgerechnet knapp 300 Millionen Euro Lizenzgebühren an die Plattenfirmen gezahlt. Das hält man in Stockholm für viel Geld: „Es wäre sehr seltsam, wenn sich die Labels von diesem Geschäftsmodell abwenden würden.“

In Zukunft wollen die Streamingdienste möglichst überall verfügbar sein – nicht nur beim Sport und im Wohnzimmer, sondern festinstalliert auch im Auto. Die Anbieter wollen dafür sorgen, die Stimmung der Konsumenten musikalisch zu unterstreichen. Und sich damit als ständiger Begleiter unverzichtbar machen.

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