Neue ZDF-Krimi-Reihe : Der Psychiater und sein Kommissar

„Neben der Spur – Adrenalin“: Das ZDF verfilmt Michael-Robotham-Bestseller. Mehr als nur spannend. Mit Ulrich Noethen und Juergen Maurer

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Der Tod schafft Gemeinsamkeit. Dr. Johannes „Joe“ Jessen (Ulrich Noethen, rechts) soll Vincent Ruiz (Juergen Maurer) bei den Mordermittlungen unterstützen.
Der Tod schafft Gemeinsamkeit. Dr. Johannes „Joe“ Jessen (Ulrich Noethen, rechts) soll Vincent Ruiz (Juergen Maurer) bei den...Foto: Marion von der Mehden/ZDF

Der Zuschauer wird ihnen wieder begegnen. Dem Psychiater Johannes „Joe“ Jessen, seiner Familie, dem Kommissar Vincent Ruiz und dessen Team, dem Regieduo Cyrill Boss und Philipp Stennert. Sie alle zusammen stehen für den Entschluss des ZDF, die Psychothriller des Australiers Michael Robotham fürs Zweite zu verfilmen. An diesem Montag bildet der Roman „Adrenalin“ die Vorlage, auch bereits abgedreht ist „Amnesie“.

Aus dem Auftakt generiert sich Vorfreude auf den nächsten Film. Zwei Figuren stehen im Mittelpunkt: Der Psychiater, gespielt von Ulrich Noethen, und der Kommissar Ruiz des Juergen Maurer. Die Figuren sind konträr gebaut. „Joe“ Jessen hat Familie, ein Psychiater mit eigener Praxis, allerdings eine Persönlichkeit mit mehreren Sollbruchstellen. Parkinson ist festgestellt worden, sein Vater, ein erfolgreicher Chirurg, missachtet ihn, der Tod der Mutter scheint zu belasten, es gibt Frauen neben der Ehefrau. Fehlerhaft, menschlich, eine sehr reiche Figur.

Da ist der Polizist ein anderer. Ein linear denkender und handelnder Typ, ein klassischer Bulle, ungehobelt im Umgang, sein Benimm endet bei den Hemdsärmeln, wirklich sensitiv ausgerichtet sind nur die Instinkte. Ein Desozialer, der sich am Intellekt und Feinsinn des Psychiaters sofort zu reiben beginnt, doch nicht in der von Unten-nach-Oben-Manier, sondern Aug’ in Aug’.

Der erste Fall führt die beiden sehr eng zusammen. Eine junge Krankenschwester ist grausam umgebracht worden. Ruiz bittet Jessen um Hilfe, und Jessen erkennt an den Verletzungen des Opfers jene Gewaltphantasien, die ihm sein Patient Robert Mohren (Nikolai Kinski) erzählt hat. Drohen weitere Gewalttaten? Jessen verschweigt Ruiz seinen Verdacht – und verliert dann die Kontrolle über die Ereignisse. Seine frühere Geliebte, die Prostituierte Elisa Ritter (Laura Tonke), wird ermordet. Alle Indizien ziehen sich auf den plausibel Verdächtigen Jessen zusammen. Der flieht, um erkennen zu müssen, dass er wie eine Fliege in einem Rachespinnennetz sitzt. Finale im Showdown.

Die Regie dient der Geschichte - nicht umgekehrt

Die beiden Regisseure Cyrill Boss und Philipp Stennert, mit Frederik Weis auch für das Drehbuch verantwortlich, suchen das geschlossene Bild. Heißt: Die Schauplätze, die Handlungsweisen des Personals sind der Geschichte untertan. Es gibt weder den staunenswerten inszenatorischen Aufriss noch narkotische Regieeinfälle, „Neben der Spur - Adrenalin“ ist eine Regiearbeit der Inklusion. Die Mittel sind auf die Mitte hin konzentriert, ein „Gesamtfilm“ soll entstehen und nicht Teile ohne Summe hochgejubelt werden. Es ist, als ob sich der Zuschauer wie der Leser der Robotham-Krimis vollständig gefangen nehmen lassen soll. „Adrenalin“, ein spannungsgerichteter Strömungsfilm.

Das Ensemble, darunter Petra van de Voort als Ehefrau Nora Jessen und Lilly Liefers als Tochter Charlotte, agiert konzentriert und zugleich so eigen, dass die Figuren um den Psychiater, den Kommissar und Robert Mohren herum über die Zuträgerfunktion deutlich und überzeugend hinausgehen. Gerade Nikolai Kinski gibt seiner Patienten-Rolle derart Gewicht und Statur, dass der anwachsende Subjekt-Part des Robert Mohren das Duo von Jessen und Ruiz zum Trio weitet. Alle drei sind sie keineswegs neben der Spur als auf dem richtigen Weg.

Ulrich Noethen spielt Dr. „Joe“ Jessen. Eine vielgestaltige Persönlichkeit, die sich manchmal selber nicht versteht, Noethe nennt ihn im Presseheft „eher einen Antihelden“. Das will sorgfältig gespielt sein – und Noethen ist dieser „Feinspieler“. Der Zuschauer wird sich für seinen Psychiater sehr interessieren, mindestens so sehr wie für den sich alsbald überschlagenden Fall. Juergen Maurer, bis 2012 Ensemblemitglied im Wiener Burgtheater, skizziert seinen derangierten Kommissar Vincent Ruiz weniger als dass er ihn stempelt. Durchaus ein Grobschlacht, ein Zyniker, vielleicht ist das Gemüt über die berufsmäßige Beschäftigung mit Bestialitäten gehärtet. Ein Menschenskeptiker, ein Routinier in Verachtung und Effizienz. Während Noethen seinen Jessen nach vielen Richtungen öffnet, hält Maurer seinen Ruiz im engen Rahmen. Das wird noch spannender, spätestens im nächsten Fall: „Amnesie“.

„Neben der Spur – Adrenalin“, ZDF, Montag, 20 Uhr 15

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