Neue Zeitschrift : Mehr als ein Wort

Andy Warhols „Interview“-Magazin wird es 2012 auch in Deutschland geben.

Jana Gioia Baurmann

Adriano Sack musste nicht lange überlegen. Er saß mit Bernd Runge im Restaurant des Standard Hotels in New York und hatte sich gerade einen grünen Tee bestellt. Als die Tasse vor ihm stand, sagte Sack zu. Er ist im Team des deutschen „Interview“-Magazins. Bernd Runge wird sein neuer Chef, wenn das von Andy Warhol 1969 gegründete Heft Anfang 2012 in Deutschland an den Start gehen soll. Runge ist der ehemalige Deutschlandchef des Condé-Nast-Verlags und heute CEO des britischen Auktionshauses Phillips de Pury. Mit Magazinen kennt Runge sich aus. 2001 etablierte er die „Glamour“ auf dem deutschen Markt, 2007 kam dann „Vanity Fair“. Die „Glamour“ gibt es noch immer, „Vanity Fair“ wurde 2009 eingestellt.

Über sein neues Projekt „Interview“ sagt Runge: „Es ist eines der aktuellsten und spannendsten Konzepte im Magazinbusiness. Andy Warhol hat die Kunstform der Konversation ins Magazin gebracht. Daran knüpfen wir an. Eine Plattform von Kreativen und vor allem im Gespräch mit Kreativen.“ Mehr sagt Runge nicht. Die deutsche „Interview“ ist ein Magazin, das bisher keiner genauer erklären möchte.

Man muss im US-Vorbild blättern, um einschätzen zu können, was da kommen mag. Die amerikanische „Interview“ erscheint monatlich mit einer Auflage von knapp 40 000 Exemplaren. Auf den rund 100 Seiten der Augustausgabe gibt es auch Interviews zu lesen, aber eben nicht nur. Mehr noch sind Fotos zu sehen, vornehmlich in Schwarz-Weiß. So auch die von Schauspielerin Freida Pinto. Modestrecken, beispielsweise mit der schwedischen Sängerin Lykke Li, sind ebenfalls abgedruckt. Ein Interview mit ihr gibt es dafür nicht. Depeche-Mode-Frontmann Dave Gahan hat sich mit der Kreativdirektorin von Gucci unterhalten. Frida Giannini heißt sie. Man muss es unterhalten nennen, denn es ist eine Art Doppelinterview. Zwei Prominente, die sich treffen, um über sich selbst zu sprechen. Designer Marc Jacobs hat auch ein paar Zeilen verfasst. Wieder so ein großer Name. Auf vielen Seiten sind Partyfotos abgedruckt.

Fotostrecken und die zahlreichen Werbeanzeigen mögen der Grund sein, weshalb Teile der Interviews nach hinten ins Heft gerutscht sind. Es wirkt, als wären die Texte irgendwie egal. Als würden sie nur der Vollständigkeit halber noch da stehen. „More“ nennt sich die Rubrik. Mehr Antworten von Freida Pinto, mehr von Frida Giannini. Wird die deutsche Ausgabe mehr können?

Sie muss. In Deutschland gab es schon einmal den Versuch, ein Interview-Magazin zu etablieren. „Galore“ hieß es, sechs Jahre lang überlebte es auf dem Zeitschriftenmarkt. 2009 war dann Schluss und Galore.de ging online. Doch auch die Internetversion schaffte es nicht. „Galore“ war kreativ, aber eben keine Plattform für Kreative. Keine Mode, keine Kunst. Bei „Interview“ wird das anders sein. Chefredakteurin der deutschen Version ist Aliona Doletskaya. Doletskaya ist die frühere Chefin der russischen „Vogue“, Runge und sie kennen sich schon länger. 1997 hatte Runge die russische „Vogue“ an den Start gebracht. Ende 2011 wird Doletskaya nun eine russische Version von „Interview“ herausbringen. Für den Aufbau der deutschen Redaktion ist Adriano Sack verantwortlich, gemeinsam mit dem Journalisten Jörg Harlan Rohleder. Sack sagt: „Interviews können alles mögliche: Menschen verbinden, Karrieren zerstören, zu Tode langweilen, unterhalten.“ Sack leitete fünf Jahre lang das Kulturressort der „Welt am Sonntag“ und gründete die Online-Community „I like my style“. Eine Plattform, die Menschen weltweit die Möglichkeit gibt, miteinander zu kommunizieren. Über Mode und sich selbst. Adriano Sack kennt sich also auch aus. Mit Mode, Kreativen und diesem Internet. Er sagt, dass der Internetauftritt von „Interview“ hoffentlich mehr sein werde als eine digitale Verlängerung der Printausgabe. Sein Kollege Rohleder arbeitete bisher für den Musikexpress, für „Focus“, „Vanity Fair“, MTV.

Die Redaktion der deutschen „Interview“ sitzt in Berlin. „Vor 30 Jahren wäre Interview wahrscheinlich in Hamburg oder München gestartet worden“, sagt Adriano Sack. Eine Auflage zwischen 50 000 und 100 000 Exemplaren sei geplant. Mehr war nicht herauszubekommen. Ein Interview wird es bald geben. Bei einer Tasse Tee.

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