Neue Zeitschriften : Gesund ist Lifestyle

Die Zeit für Umweltmagazine hat gerade erst richtig begonnen – mit der neuen Zielgruppe, den „Lohas“.

Harald Schumann
Klima
Ambitioniert. Das neue "Klima-Magazin"Repro: Tsp

Mut haben sie, das ist nicht zu bestreiten. Während Zeitungs-Verlage allerorts um Anzeigenkunden bangen und Jobs streichen, geht diese Truppe mit einem neuen Hochglanzmagazin an den Start. Und ginge es dabei nur um ein weiteres Society-Blatt über die Möchtegerns der Republik, wäre das Unternehmen kaum der Rede wert. Doch Herausgeber Uwe Dulias, ehedem Vize-Chef bei „Bild“, und Chefredakteurin Christel Vollmer, langjährige Chefreporterin bei „Bild am Sonntag“, haben ihr Projekt dem Thema des Jahrhunderts gewidmet: der Rettung des Planeten vor dem ökologischen Kollaps. Mit ihrem „Klima-Magazin“, das seit zwei Wochen in den Kiosken liegt, wagen sie den Versuch, ein breites Publikum für die „Überlebensfrage der Menschheit“ (Angela Merkel) zu gewinnen, und das allein mit ihrem eigenen Geld. „Wir investieren hier unsere Altersvorsorge“, sagt Vollmer, die gemeinsam mit Dulias und fünf Mitstreitern das Kapital von 250 000 Euro für den eigenen Kleinverlag aufbrachte, dem sie den hochtrabenden Namen „Information Board on Climate Change Communication“ (IOCCC Media) verliehen haben.

Dabei können die Hamburger Magazinmacher auf eine Zielgruppe setzen, die längst Millionen Mitglieder zählt. „Lohas“ nennen Marktforscher all jene, die ihr Leben umweltfreundlich und gesund gestalten wollen, abgeleitet aus dem englischen „Lifestyle of Health And Sustainability“. Die erste Ausgabe des Klima-Magazins dürfte jedoch trotz des groß gedruckten Untertitels „Besser leben“ an dieser Avantgarde des ökologisch angepassten Lebensstils eher vorbeigehen. Zwar bietet das 150 Seiten starke Heft einigen Nutzwert, der von der Aufklärung über die ökologisch unsinnigen Schneekanonen in den Wintersportgebieten bis zur praktischen Anleitung für die energetische Sanierung des Eigenheims reicht. Aber Aufmachung und Layout schwanken irgendwo zwischen „Stern“, „Bild“ und Schülerzeitung, und die Herkunft der Macher vom Boulevard prägt weite Teile des Heftes. Da schreibt gleich ganz Deutschland einen Brief an den neuen US-Präsidenten, den die Leser unterzeichnen sollen. Empören sollen sie sich dagegen über den „Klima-Guru“ Al Gore, der sich mit Vortragshonoraren von 300 000 Euro „die eigenen Taschen füllt“. Ob Gore das Geld womöglich in sinnvolle Klimaschutzprojekte investiert, haben die Ankläger des vermeintlichen „Heuchlers“ vorsichtshalber nicht recherchiert.

Daneben müssen Prominente aller Art gleich zu Dutzenden herhalten, um die Botschaft vom nötigen Wandel unters Volk zu bringen. Von Witali Klitschko über Kronprinz Fredrik bis zu Gesine Schwan haben die publizistischen Planetenretter kaum einen der möglichen „Prima Klima People“ ausgelassen, um ihn irgendwie zum Thema zu positionieren. Zugleich ist unüberlesbar, dass die beteiligten Journalisten in der Klimapolitik noch etwas unbedarft sind. Kühn stellen sie die These auf, auch die Stromkonzerne seien nun „vom Windvirus“ infiziert, obwohl diese nachweislich den Ausbau der Windkraft bis heute blockieren. Umweltminister Sigmar Gabriel darf über den Konjunkturmotor Klimaschutz schwadronieren, ohne nach dem laufenden Ausbau klimaschädlicher Kohlekraftwerke auch nur befragt zu werden. Und ausgerechnet die Autokonzerne BMW und Volkswagen, die mit ganzseitigen Anzeigen vertreten sind, bekommen einen freundlich-unkritischen Artikel für ihre verspäteten Versuche mit Elektromobilen. Für Tiefgang sorgen allein die Beiträge renommierter Experten wie des Klimaforschers Mojib Latif, die das Vorhaben auch als Beiratsmitglieder unterstützen. Man müsse ja „die Leser erst mal ans Thema heranführen“, rechtfertigt Chefredakteurin Vollmer derlei Defizite. Der „große Zuspruch“ aus der Werbebranche stimme sie jedenfalls zuversichtlich, dass ihre Zeitschrift mit sechs Ausgaben pro Jahr ein Erfolg werde. Wie viele Exemplare der Startauflage von 100 000 verkauft wurden, ist noch nicht bekannt, aber „ein Jahr lang halten wir auf jeden Fall durch“, verspricht Vollmer.

Diese Anlaufzeit haben die einzigen Wettbewerber schon hinter sich. Seit März ist auch die Deutsche Umwelthilfe, die wohl schlagkräftigste Umweltorganisation der Republik, mit einer neuen Zeitschrift auf dem Markt, die im Drei-Monats-Rhythmus erscheint. Obwohl sie ganz ähnliche Themen aufgreifen, könnten die beiden Blätter unterschiedlicher kaum sein. Schon der Titel „Zeo2 – Magazin für Umwelt, Politik und Neue Wirtschaft“ verrät, dass die Blattmacher auf Leser setzen, die nicht mehr überzeugt werden müssen, dafür aber gut informiert werden wollen. Das gelingt vorbildlich etwa mit der Titelgeschichte der neuesten Ausgabe über den „CO2-Weltmeister China“. Dort erfährt der Leser, dass im Reich der Mitte keineswegs nur Umweltignoranten regieren, die den Klimaschutz für ein Problem der Reichen halten, wie in der deutschen Presse vielfach kolportiert wird. Stattdessen berichten die Autoren, wie Chinas Regenten mit großem Aufwand gegen die Energieverschwendung vorgehen, oder dass ausgerechnet chinesische Unternehmen sich anschicken, die Weltmarktführung beim Ausbau der erneuerbaren Energien zu übernehmen. Passgenau spiegelt dabei das elegante, auf Übersicht zielende Layout die Bedürfnisse der „Loha“-Generation nach Modernität und Klarheit.

Garant für diese Qualitäten ist Chefredakteur Manfred Kriener, der als Veteran der Umweltberichterstattung seit seiner Zeit als Öko-Redakteur bei der „taz“ seinen Themen treu geblieben ist. Kriener, der fünf Jahre lang als Chef des Magazins der Slow-Food-Szene Erfahrungen als Blattmacher sammelte, kann daher auf ein breites Netzwerk von Umweltexperten und -journalisten zählen. Im aktuellen Heft kommentiert etwa der Umweltökonom Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung die Debatte über Konjunkturprogramme. Andreas Troge, Präsident des Umweltbundesamtes, schreibt über die Tücken der Schädlingsbekämpfung im ökologischen Landbau, und der profilierte Klimaforscher Stefan Rahmstorf erklärt, warum es gilt, den Klimawandel zu bekämpfen und gleichzeitig trotzdem Vorsorge gegen drohende Fluten und Dürren zu treffen. So kommt „Zeo2“ weit politischer und mit 52 Seiten auch erheblich schlanker daher als der Newcomer aus Hamburg. Gleichwohl treffen auch die Berliner Magazinmacher auf großes Interesse bei Inserenten von Shell bis Toyota. Und obwohl die Umwelthilfe anders als die Hamburger Wettbewerber den Vertrieb im Eigenbetrieb organisiert, gelingt es Kriener und seinen Kollegen bisher, die Garantieauflage von 25 000 Exemplaren durch Auftritte bei Konferenzen und Kongressen unter das Publikum zu bringen. Das aktuelle Heft sei so gut gebucht, dass es „fast keinen Verlust“ mehr verursache, freut sich Kriener. Die Zeit für Umweltmagazine hat wohl gerade erst richtig begonnen.

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