Medien : Neuer Name, neues Studio

Nur der ungeliebte Sendeplatz am Freitag bleibt dem „Bericht aus Berlin“

Hannah Pilarczyk

„Als ich das erste Mal das Studio betrat, kriegte ich einen kleinen Schreck – so düster und nächtlich war es da.“ Zwei Jahre ist es her, dass Thomas Roth sich zum ersten Mal das Studio vom „Bericht aus Berlin“ anschaute. Er war gerade von seiner Korrespondentenstelle in Moskau nach Berlin gewechselt und übernahm nun mit der Leitung des ARD-Hauptstadtstudios auch die Moderation des „Bericht aus Berlin“. Seitdem hat sich an der Sendung viel verändert. Als Erstes die Quote. Nach dem Wahljahr 2002 ging die kontinuierlich zurück. Zuletzt lag sie bei rund 7,3 Prozent, das ist weniger als die Hälfte des ARD-Durchschnitts. Bis zum Frühjahr 2004 hielt man in Berlin und Hamburg, wo die ARD-Nachrichtenredaktion sitzt, dem Leidensdruck noch stand, dann machte man sich an die optische wie inhaltliche Neuausrichtung des Polit-Klassikers. Das Ergebnis ist ab heute zu begutachten: neuer Name, neues Studio, neues Konzept.

„Die neue Sendung wird sich aktueller, frischer und mit den Themen näher am Alltag der Bürger präsentieren“, sagt Roth. Mehr Aktualität, das soll schon der neue Name transportieren: „Tagesthemen mit Bericht aus Berlin“. Nachrichtenkompetenz aus Hamburg plus Hintergrundwissen aus Berlin soll das abstrakt bedeuten, konkret: dass auch mal ein aktuelles internationales Thema wie die Geiselnahme in Ossetien Aufmacher der Sendung ist. Verwässert das nicht das Profil vom „Bericht“ als Insider-Report aus der Hauptstadt? „Die Marke ,Tagesthemen’ hilft uns dabei, am schwierigen Fernsehabend Freitag zu bestehen", ist sich Roth sicher. Die Konkurrenz aus „Der Alte“ im ZDF und „Genial daneben“ auf Sat1 ist zumindest quotenmäßig stark.

Auch in Hamburg sieht man nur Vorteile bei der Fusion: „Endlich sind wir mit den ,Tagesthemen’ an sieben Tagen in der Woche vertreten“, freut sich „Tagesthemen“-Chef Bernhard Wabnitz. Bislang hatte man am Freitag seinen Platz für den „Bericht“ geräumt.

Nun findet sich dort eine Sendung, die nicht nur die „Tagesthemen“ im Namen trägt, sondern auch so aussieht. Das neue Studio hat dieselbe blau-transparente Weltkarte wie „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ als Wandmotiv, ein kleines Standbild des Regierungsviertels in der Dämmerung hat die Berliner Nacht als Hintergrund verdrängt. Aus diesem Studio werden dem Zuschauer keine Geheimnisse mehr aus der Berliner Politszene zugeraunt, hier schreit alles nach modernem, ausgeleuchtetem Journalismus. Das könnte der richtige Kontrapunkt zu ZDF-Krimiserie und Sat1-Comedy sein.

Vielleicht ändert die neue Optik aber auch gar nichts. Trotz aller nötigen Veränderungen ist ein grundlegendes Problem vom „Bericht“ unangetastet geblieben: der Sendetermin. „Der Sonntag hat sich in einen politischen Tag verwandelt, da will ich mit der Sendung hin“, hatte Roth zum Amtsantritt vor zwei Jahren verkündet. Zwischen den ARD-Klassikern „Sportschau“ und „Lindenstraße“ sowie dem ZDF-Konkurrenten „Berlin direkt“ ließ sich aber keine passende Lücke finden, es blieb beim Freitagabend. Zu diesem Zeitpunkt sind die meisten Politiker aber bereits in ihrem Wahlkreis oder auf dem Weg nach Hause. Interviews müssen deshalb oft schon am Nachmittag aufgezeichnet werden, im superbeschleunigten Nachrichtengeschäft ist das manchmal zu spät.

Auch als Verlautbarungsorgan für Politiker haben andere Medien dem „Bericht“ das Wasser abgegraben. Das Machtwort zur Arbeitsmarktreform wird eher in der „Bild am Sonntag“ gesprochen, sich zur Freundschaft mit Amerika eher in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ bekannt. Den großen Fernsehauftritt sparen sich die Politiker ohnehin für das Millionenpublikum von Christiansen. „Wir sind keine Wochenabschlusssendung“, sagt Roth. Für jemanden, der so ehrgeizig ist wie er, kann die unvorteilhafte Positionierung vom „Bericht“ aber eigentlich nur ärgerlich sein.

Immerhin hat man sich bei der ARD durchgerungen, dem „Bericht“ einen festen Sendetermin zu geben. „Die ständig wechselnden Anfangszeiten haben der Sendung geschadet“, sagt Roth. Bisher galt für den Sendestart nur ein Zeitfenster zwischen 22 und 23 Uhr, jetzt ist er auf 22 Uhr 15 festgelegt. Mal sehen, ob der fixe Sendestart der Sendung auch nützt. Acht Prozent Quote hat sich Thomas Roth selbst zur Vorgabe gemacht.

„Tagesthemen mit Bericht aus Berlin“, ARD, 22 Uhr 15

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