NEUER SENDER, NEUES GLÜCK? : In der Wechselfalle

Vorsicht, neuer Sender! Pilawa geht zum ZDF, Kerner ging zu Sat 1, Pocher auch

Joachim Huber
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Wechselfälle des Fernsehens. Johannes B. Kerner hat das ZDF verlassen und arbeitet jetzt für Sat 1. -Foto: dpa

Jörg Pilawa kann jetzt seine eigene Grübelshow moderieren. Wird sich für den Publikumsliebling des Ersten der Wechsel zum Zweiten lohnen? Der Wechsel steht ja fest, nach dem Sommer 2010 will Jörg Pilawa die Herzen und die Hirne der ZDF-Zuschauer erobern.

Die einfache Gleichung „Starmoderator bringt Starquote“ hat in diesem Jahr ein großes Fragezeichen bekommen. Thomas Gottschalk erzielt mit der ZDF-Show „Wetten, dass...?“ immer noch Länderspielquoten, trotzdem sind die sagenhaften Reichweiten jenseits der zehn Millionen Zuschauer erledigt. Das hat etwas mit den Abnutzungserscheinungen eines Formates nach 28 Sendejahren zu tun, einerseits. Andererseits haben sich die Publika der Programme verändert, verschoben. Noch nie war der ZDF-Zuschauer im Schnitt so alt wie heute: 61 Jahre (Durchschnittsalter der Deutschen: 43 Jahre). Gottschalk und „Wetten, dass...?“ besitzen bei vielen jungen und jüngeren Zuschauern den Hautgout des „Opa-Fernsehens“. Um so mehr, als die Alternative für diese Altersgruppe RTL und Pro 7 heißen. RTL hat mit dem „Super-Talent“, mit dem ewig jung gestylten Dieter Bohlen, „Bauer sucht Frau“, „ Restauranttester“, selbst mit dem „Schulderberater“ und seinen Nachrichten „RTL aktuell“ einen Lauf. Ganz wichtig: Mit seinem Programm konnte sich der kommerzielle Sender in einer ständig älter werdenden Gesellschaft verjüngen. Das Durchschnittsalter der RTL-Zuschauer liegt bei 45 Jahren (2006: 48 Jahre). Im Alter der Zuschauer je Sender drücken sich Erwartungen, Gewohnheiten, Rituale aus.

Jörg Pilawa kann da von einigem Glück, ja von geglücktem Kalkül reden. Die ARD-Show „Frag doch mal die Maus“, gerade zum letzten Mal moderiert, hatte in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen einen Marktanteil von 10,2 Prozent. Pilawa kann, im Maßstab aller Showmoderatoren von ARD & Co., jüngeres Publikum ziehen, die Alten hat der TV-Schwiegersohn sicher. Im Zweiten warten auf Pilawa die ARD-Zuschauer. Das ZDF schalten die „Grauköpfe“ ein: 61 Jahre im Schnitt wie beim Ersten (Spitzenreiter im Seniorenfernsehen sind die ARD-Dritten mit 62 Jahren). Die Mainzelmänner müssen so geschickt sein, auf eine möglichst große Schnittmenge zwischen dem ZDF-Publikum und dem ZDF-Pilawa zu achten. Eine Prognose, die nicht gewagt ist: Von den Formaten des Jörg Pilawa wird keine Fernseh-, geschweige denn eine ZDF-Revolution ausgehen.

Was ist mit Johannes B. Kerner und Sat 1 schief gelaufen? Kerner war mit dem ZDF bestens unterwegs, mit seinem Talk, seinen Shows, seiner Fußballmoderation. Seit dem Wechsel zu Sat 1 wird Kerner als der Problemfall des deutschen Primetimefernsehens verhandelt, ja verhauen. Die mageren Quoten zum Auftakt des Magazins „Kerner“ haben Sat 1 zum Sendeplatzwechsel von Montag nach Donnerstag und zu einem „Quotendoping“ veranlasst: Vor „Kerner“ laufen jetzt Spielfilme oder Fußball, zwei Programme, die für das anschließende Magazin Publikum aufbauen können. Die Ich-kann-nicht-ohne-meinen-Johannes-Fans sind so zahlreich nicht, dass sie jeden Wechsel mitmachen. Sat-1-Publikum und ZDF-Publikum sind einander fremd, mit 51 Jahren ist der Sat-1-Seher in anderen Lebenszusammenhängen. Kerner wird hart an seinem Format arbeiten müssen, damit der Privatfernsehzuschauer am Donnerstag mehr als Déjà-vu-Momente durchlebt: Das habe ich schon bei „Stern TV“ (RTL!) am Mittwoch gesehen! Kerner hat angekündigt, den Talk im Magazin zu forcieren. Landet er wieder beim ZDF-Kerner? Er braucht den Erfolg, Sat 1 braucht ihn, da ist jedes Mittel recht. Kerner ist ein Kämpfer, 44 Jahre jung, mit einem Ego, das für zwei TV-Karrieren reicht.

In Kerners Windschatten sendet der zweite Sat-1-Problemfall still und erfolglos vor sich hin. Oliver Pocher hat mit seiner Late-Night-Show am Freitag wenig Quote, in seiner Zielgruppe einen mauen Marktanteil. Pocher allein in einer Sendung, speziell als Late-Night-Mann, das ist die Überstrapazierung dieser Fernsehfigur. Er braucht ein Gegenüber, ein Objekt, mit dem, an dem er sich abarbeiten kann. Siehe „Wetten, dass...?“, siehe „Schmidt & Pocher“ in der ARD, siehe seinen Millionengewinn bei „Wer wird Millionär?“, die RTL-Show „5 gegen Jauch“. Die moderiert er, da hat er den Counterpart. These: Die Schwäche eines Kerner ist generell, die eines Pocher strukturell. Insofern ist Pocher das größere Problem. Der gehört zu Pro 7 und dem trotz seiner 35 Jahre ewig pubertierenden Publikum überstellt. Pocher bei Sat 1 weiter „entpochern“ hieße, dem Mario Barth seine Freundin wegzunehmen.

Günther Jauch sichert Oliver Pocher mit „5 gegen Jauch“ die Lizenz zum Fernsehen. Auch sonst hat der RTL-König alles richtig gemacht. Er hat weder den Sender noch die Sendungen gewechselt. Eigentlich hat Jauch nichts gemacht – außer erfolgreich Fernsehen.

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