Neuer "Tatort" aus Österreich : Wiener Wut

Der „Tatort“ des ORF gehört derzeit zu den besten in der Krimi-Reihe. An diesem Sonntag kommen die Ermittler Bibi Fellner und Moritz Eisner jedoch an ihre Grenzen.

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Einen Kinderpornoring decken die Ermittler Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) auf.
Einen Kinderpornoring decken die Ermittler Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) auf.Foto: rbb/ORF/Petro Domenigg

Ein liegen gebliebener alter Pontiac an einer gottverlassenen Straße im Wiener Vorort. Winter, Schneematsch. Es ist bitterkalt. Frost. Ein grantelnder Mann und eine grantelnde Frau über den Motorraum gebeugt. Die kaputte Wasserpumpe. Er: „Warum musst du so ein Zuhälterauto fahren?“ Sie: „Ah, geh!“ Nichts geht mehr. Dann der Anruf auf dem Handy: Arbeit für die beiden Ermittler. Für Oberinspektor Moritz Eisner und Major Bibi Fellner, gespielt von Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser, die, mal vorweg , das Beste sind, was es derzeit gibt auf dem Markt der „Tatort“-Ermittler.

Ihr achter gemeinsamer Fall

Denn was heißt das schon, gespielt? Bei Krassnitzer und Neuhauser wirkt das immer so, als ob man sie gerade geweckt hätte, und sie würden genau das spielen, was sie sind. Da brechen sich andere TV-Kommissare noch einen ab, um glaubhaft cool zu wirken. Bei denen wäre so eine Autopanne reiner Klamauk. Seit 2010 ermitteln Krassnitzer und Neuhauser nun schon gemeinsam. Der intuitive, wortkarge Einzelgänger und die psychisch Instabile mit Alkoholproblemen, Helfersyndrom und Therapie. Anfangs mussten sie sich noch zusammenraufen. „Ah, geh, auf die ist doch kein Verlass.“ Mittlerweile gehen sie abends zusammen essen und fahren privat zusammen Auto. Wenn es denn mal fährt.

Ihr achter gemeinsamer Fall führt Eisner und Fellner von der Autopanne direkt zu einem Abbruchhaus. Es tun sich „im wahrsten Sinne des Wortes „Abgründe“ auf. Die Polizei hat das Haus eines Kindesentführers einreißen lassen, um einen Schlussstrich unter das fünf Jahre dauernde Martyrium der kleinen entführten Melanie Pölzl zu ziehen. In einem kellerähnlichen Raum wird eine verwesende Frauenleiche gefunden, die Kollegin Franziska Kohl, frühere Leiterin der „Soko Melanie“ – und Freundin von Eisner. Sie sei verdurstet, lässt die Polizei in der Öffentlichkeit verbreiten. Ein Unglücksfall? Nein. Die Gerichtsmedizinerin ist sich sicher: Beim Tod von Kohl muss kräftig nachgeholfen worden sein.

Die Geschichte ist angelehnt an den Entführungsfall Natascha Kampusch

Das Ganze ist angelehnt an den Entführungsfall Natascha Kampusch. Die wurde 1998 in Wien als Zehnjährige entführt und konnte sich nach mehr als acht Jahren Gefangenschaft befreien. Der Täter beging kurz darauf an einem Bahnübergang Selbstmord. In diesem „Tatort“ steckt aber noch viel mehr dahinter. Schnell geraten Eisner und Fellner an ihre Grenzen – was hier auch rein körperlich zu verstehen ist–, an einen Kinderpornoring, der bis ganz nach oben in der Gesellschaft reicht, zu Großunternehmern, Politikern, Juristen. Eine karitative Einrichtung dient als Tarnung. Das fast wasserdichte Netz krimineller Machenschaften zieht sich bis in die Chefetagen der Polizei.

Sonderermittlerin Franziska Kohl war schon nah dran an den Tätern, dann aber „karenziert“, wie die Österreicher sagen. Kurz: Ihr war der Fall entzogen worden. Wie gesagt, Abgründe. Dass Einzige, was man diesem Krimi am Ende vorwerfen kann, ist, dass das, was unterhalb dieser abgefeimten Chefetagen als kaum lösbar scheint, dann doch recht banal und schnell und brachial gelöst wird. Auch das Banale hat in Wien seinen Platz. Die plumpen Annäherungsversuche der Kollegin Stefanie Dvorak (Julia Wiesner), die auf Eisner abfährt. Die Brotzeit auf dem Seziertisch. Der Witz der Türken auf einem Fußballplatz, die von den Ermittlern nach einem Zeugen befragt werden: „Mehmet? Die heißen hier alle Mehmet.“ Und die beste Stelle sei hier nicht im Detail verraten. Eisner sieht rot, wird wütend wie einst Charles Bronson.

Vielleicht sollten Deutschlands „Tatort“-Autoren hier mal genauer hinschauen

Vielleicht sollten Deutschlands „Tatort“-Autoren hier mal genauer hinschauen (Buch: Uli Brée). Der ORF-„Tatort“ ist mit seinen Themen stets ein Brennkessel sozialer Brennpunkte. Ausländerkriminalität, Zwangsprostitution, Neonazi-Morde, islamistischer Terrorismus, serbische Kriegsverbrecher, jetzt Kinderpornografie. Man muss sich bei all diesem Dreck in der Welt wohl besonders nahekommen. Die Bibi und der Moritz, Neuhauser und Krassnitzer. Skurril, rau, glaubhaft, herzlich. Sagt der suspendierte Eisner: „Hast du nichts zu tun?“ Fellner: „Doch, dir helfen.“ Aber nicht mit dem alten Pontiac, im Winter.

„Tatort: Abgründe“,

Sonntag, ARD, 20 Uhr 15

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